Genscherismus

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Die sagenhaften und die furchtbaren Geschichten aus der georgischen Vergangenheit füllen Romane, Bibliotheken und Archive. Das nationale Zentrum für Manuskripte liegt ziemlich versteckt in einem Wohngebiet – zumindest für den Fahrer unseres Kleinbusses. Vielleicht ist das aber auch ganz gut so, denn hinter den Eisentüren und zugebauten Fenstern bergen die Räume unfassbare museale Schätze. In langen Holzregalen und ein paar Vitrinen lagern armenische, griechische, türkische, georgische Handschriften, Korane, persische Miniaturen, orthodoxe Bibeln in allen Größen, Codices auf Pergamentrollen und kostbar verzierte Ausgaben des georgischen Nationalepos vom Recken im Tigerfell. Auch das Kühlsystem sieht ziemlich museumsreif aus, aber die Hüterinnen des Wissens – die Archivarinnen und Professorinnen wieder allesamt weiblich – hoffen auf einen baldigen Umzug ihres Instituts.
Auf einer Baustelle – ganz Tiflis scheint sich im permanenten Prozess aus Verfall und Restauration zu befinden – empfängt uns danach der Künstler Vato Tsereteli. Weil die hiesige Kunstakademie ausnahmsweise noch nicht der Erneuerung durch lauter junge Frauen in Führungspositionen unterzogen wurde, hat der in Antwerpen ausgebildete Künstler eine alternative Kunstschule gegründet. Statt klassischem Kunstunterricht gibt es dort Schulungen in Projektentwicklung, Sponsoring und Marketing, ein Videoarchiv wird aufgebaut, eine Buchreihe zur georgischen Kunstgeschichte aufgelegt, in einem „Archive of Transition“ wird die Stadtgeschichte als persönliche künstlerische Erzählung aufbereitet, ein nachbarschaftliches Urban-Gardening-Projekt erforscht den Kräutergarten Medeas. Drei Jahre lang hat das deutsche Auswärtige Amt und das bei zivilgesellschaftlichen Kunstprojekten immer hilfreiche Goethe Institut die Aktivitäten unterstützt, nun ist auch hier Zeit, auf eigenen Füßen zu stehen. Was unsere Dienstreisendelegation dazu ermuntert, endlich auch mal ein paar Meter auf Füßen durch die Stadt zu gehen.
Unsere Gastgeber haben unser Besuchsprogramm so perfekt durchorganisiert, dass wir langsam leichte Anfälle von Genscherismus verspüren: Immer wartet schon der Bus, um uns zum nächsten Termin zu chauffieren. Keine Chance für Souvenirshopping oder individuelles Herumstreunen. Zum Glück gibt es in Tiflis kein ernstzunehmendes Ladenschlussgesetz, so dass wenigstens der Erwerb von grüner Pflaumensoße und des weltberühmten Cognacs drin sind.

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Die Nahrungsaufnahme in edlen Restaurants wird immer damit verbunden, dass wir zwischen Walnussaubergine und Grillfleisch einen oder mehrere echten Schriftsteller kennenlernen. Genau, all die …schwilis und …dzes. Die Endung …schwili/shvili bedeutet Kind von dem oder jenem Vater, …dze steht für Sohn von. Die Krimis von Abo Lahagashvili, der im Brotberuf Bergführer ist, werden im Berliner Verlag FotoTapeta erscheinen. Ein Roman von Nana Ekvtimishvili, die 2013 als Regisseurin auf der Berlinale mit ihrem Film „Die langen hellen Nächte“ Furore machte, wird bei Insel erscheinen. Im verwunschenen Gartencafé des Schriftstellerhauses erzählt die in in Babelsberg studierte Autorin, dass entgegen all unserer Wahrnehmungen die georgischen Frauen immer noch in streng patriarchalischen Familienverhältnissen leben. Die kettenrauchende Ana Kordzaia-Samadashvili widerspricht dem ein wenig, sie scheint aber auch die einzige, die nicht ungebrochen für ihre Regierung und nicht voller Aufbruchsenthusiasmus ist. Die Zeiten des Chaos in den 1990ern bis 2004, in denen es so gut wie keinen funktionierenden Staat und oft nicht mal Strom gab, sind der sarkastischen Autorin, Jelinek-Übersetzerin, als Sommer der Anarchie in Erinnerung. Damals war die uralte georgische Kulturtradition des Kiffens noch nicht verpönt, raunt sie und bietet mir eine ihrer Superslim Zigaretten an. Dass die Georgier, insbesondere die georgischen Kulturschaffenden viel Wein trinken, können wir nicht bestätigen, dementieren aber auch nicht. Zuhause beim  historisch doppelt vertriebenen Schriftsteller Giwi Margvelashvili stehen die Champagnerflaschen wie vergessene Trophäen im Buchregal.  Der fast 90 Jährige philosophiert über Heidegger, wir mümmeln dazu Erdbeeren.

 

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4 Antworten zu Genscherismus

  1. Besser und billiger als von Knaggi oder Moor, aber georgisch gemixt:
    http://tinyurl.com/j4qbfrt

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    • docvogel schreibt:

      irre, ist da schabziegerkraut drin?

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      • Watt’n datt? Nicht drin ist Provence- Toscana- schicki micki. 0 Basilika, kein Oregon, Rosmarie.
        Wohl: Koriander, Kurkuma, Liebstöckl, Bockshornklee aber auch Salz und Zucker. Letzterer wird bei Wessis ja gerne umschrieben. klopp ich gerne ans Hackfleisch. Und KEIN Georgier kloppt es auf TOFU. Also, zumindest nicht vor 31 Jahren, in Moskau, beim Schorsch. Hatte da für die Reisegruppe ein Lokal… halboffiziell, denn für 10DM. (Endlich mal Geld ausgeben können!) Meine Ahnung, bzw. die meines Schriftführers, Vorspeisen reichlich zu speisen war schlau. Viele warteten auf den Hauptgang…er war aber noch nicht fertig! Schlau! Es gab nur Schaschlik (georgisch wie ja nix!) aber nix gegen die vielfältige Vorspeisenflut. Und was früher so’ne Woche Leningrad oder Moskau kostete, fragwürdigst, warum die Schmidts (Leningrad- Vernichter) und Weizsäckers (dann doch Angsthase vor Moskau, der Vietnamese sollte es ihm büßen) da so einen Aufwand betrieben…

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  2. docvogel schreibt:

    Wow, 31 Jahre, das ist ja noch länger her als wie mein Auto alt ist. Hoffe das Tütchen Gewürzmischung ist nicht auch von damals. Also Schabzieger, dazu der geschätzte Kollege von hoio. „.Unbedingt Schabzieger einkaufen, gibt es auf der ganzen Welt nur dort, heisst Utskho suneli und ist Teil von Khmeli suneli – passt super in Schmorgrichte“ (vielleicht doch der Bockshornklee?) Guck mal da:
    http://www.hoio.info/index.php?id=287

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