Stalin forever

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Das ist die Gräzistin Maja mit den berühmte Brühe-Täschchen.

Von der Frühstücksterrasse blicken wir über einen sanften Hügelteppich verschachtelter, silbergrauer Dächer. Vom Talgrund aus sticht ein verspiegelter Monolith mit Knick in den Himmel. Alle Tifliser, die wir darauf ansprechen, sind empört über das Monster, niemand weiß, wer es gebaut hat oder was einmal darin beherbergt werden soll. Aber in unserer frischgebackenen Verliebtheit in die Stadt finden wir sogar den Wolkenkratzer toll, der besser nach Dubai passen würde: Tradition und Moderne! Nostalgie und Neubauten! Futurismus und Verfall, hier ist alles bei- und übereinander.
Doch bevor wir weiter in oberflächliche Urbanismus-Beschaulichkeiten abdriften können, geht’s in die viel ältere Geschichte Georgiens. Wir, die deutsche Journalistendelegation, sollen schließlich den ganzen kulturellen Reichtum dieses kleinen Landes kennenlernen, das 2018 bei der Buchmesse in Frankfurt das Gastland sein wird und uns deshalb zu einem viertägigen Besuch eingeladen hat. Eine zierliche junge Frau, die sich in bestem Deutsch als Gräzistin Maja vorstellt, verfrachtet uns in einen Minivan, mit dem wir zu kulturell wertvollen Ruinen kutschiert werden.
Der quadratschädelige Steuermann Timur düst mit robustem Durchsetzungsvermögen durch die engen Gassen, führt haarsträubende Überholmanöver auf der Schnellstraße vor, verpasst den Abzweig zur Zielkirche, kurvt eine erneute Runde in der Landschaft herum, bis wir bei der ältesten orthodoxen Klosterkirche auf einem lieblichen grünen Hügel ankommen. Auf dem Parkplatz sind Andenkenartikel auf Autokühlerhauben drapiert, es gibt coole Lederarmbänder mit orthodoxen Kreuzen und moppartige Schaffellmützen, die ich  leider nicht kaufen kann,  weil ich noch kein einheimisches Bargeld habe. Im Tal liegt die Stadt Mtskheta mit einer steinalten Kathedrale samt putziger Fußgängerzone im Dreieck zweier Flüsse. Von hier wurden laut einer Legende zwei Juden nach Jerusalem geschickt, um Jesus mit zu verurteilen. Als sie dort ankamen, war der schon gekreuzigt, weshalb die georgischen Juden an seinem Tod unschuldig seien und es deshalb hier so gut wie keine Judenverfolgung gegeben habe.
Das alles erzählt uns der Historiker Lasha Bakradze. Dann korrigiert er die Mär, dass das georgische Alphabet von ein und demselben Mönch im 3. Jahrhundert, kurz nach dem kyrillischen, erfunden worden sei. Ansonsten aber gibt er uns vor allem zutiefst antikommunistische Einführungen in die uns bisher ziemlich fremde, um nicht zu sagen gleichgültig gewesene jüngere Vergangenheit unseres von den Russen gequälten Gastgeberlandes. Drei Jahre Unabhängigkeit (von 1918 bis 1921) hat das Land genossen, noch 2008 bombardierten die Russen die Hauptstadt und bekräftigten die Okkupation Südossetiens. 2003 gab es eine Rosenrevolution, die zu Schewardnadzes Rücktritt führte, und seither, so jedenfalls unser Eindruck, sind alle Positionen in kulturellen Einrichtungen mit hoch qualifizierten und extrem gut aussehenden jungen Frauen besetzt.

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Die hat die Schlüssel vom Stalinmuseum.
Der rosenbestandene Park eines Cognac-Barons ist ein Restaurant geworen. Tkemali, eine Sauce aus grünen Pflaumen, eher Mirabellen, Knoblach und Koriander, muss definitiv auf die Liste schützenswerter Kulturgüter. Aber wenn ich jetzt genauer auf die  luftigen Käsefladenbrote, die mit Walnusspaste gefüllten Auberginen, die Tomaten-Gurken-Petersielie-Salate einge würde, würde keiner mehr glauben, dass ich auf einer anstrengenden Dienstreise bin. Trotz des schon in der lauen Mittagssonnr kredenzten Weines – Kelterkunst nachweislich seit 8 000 Jahre – , bestet unsere Gruppe darauf, das Stalin-Museum in Stalins Geburtsstadt Gori zu sehen.Das steht nicht auf unserem dicht getakteten Programm, auf diesen Teil der Geschichte hätten die Georgier gerne verzichtet. Seit 1979,Stalins 100. Geburtstag, ist das Museum unverändert geblieben: ein Museum des Personenkults. Die Pfeifen des Diktators. Die ganze Stadt wurde brachial axial auf Stalins Geburtshaus umgelegt. Im Hintergrund leuchten die Schneegipfel des Kaukasus. Prometheus?!

 

 

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