literaturexpress nach tiflis

 

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Atatürk hatte acht Adoptivkinder. Eines davon, Sabiha Gökçen, wurde die erste türkische Pilotin und weltweit die erste Kampfpilotin überhaupt. Wahrscheinlich, so der 2007 in Istanbul auf der Straße erschossene armenische Journalist Hrant Dink, war sie armenischer Abstammung und 1915 beim Völkermord an den Armeniern Waise geworden; 1937/38 beteiligte sie sich als Bomberpilotin im Dienst des türkischen Militärs am Massaker an den Kurden. Nach Sabiha Gökçen jedenfalls ist der zweite, kleinere Flughafen Istanbuls benannt. Er liegt ziemlich abseits im asiatischen Teil, in  einer Landschaft gesichtsloser Hochhaussiedlungen. Wie der Atatürk-Flughafen hat er eine tolle Raucherterrasse, die wie ein vergitterter Käfig an der Außenfassade des Betonklotzes hängt.
Aber erstens rauchen wir so gut wie nicht, und zweitens hat das alles gar nichts mit unserer Dienstreise nach Georgien zu tun. Wir sitzen dort nur ein paar Stündchen Verspätung aus und lesen dabei im sehr lustigen Roman „Literaturexpress“ von Lasha Bugadze. Den hat uns die Frankfurter Verlagsanstalt dankenswerterweise zur Reisevorbereitung geschickt. Übersetzt hat diese Satire über 100 dienstreisende Schriftsteller aus Georgien, Armenien, Russland, Lettland usw., die einzige georgische Schriftstellerin, die wir kennen. Allerdings lebt Nino Haratischwili schon lange in Hamburg und schreibt auf Deutsch, weshalb sie gar nicht als georgische Schriftstellerin zählt.
Wir, fünf Medienfuzzzis aus Deutschland, sind eingeladen vom National Book Center Georgiens. Das Goethe-Institut in Tiflis, geleitet vom schwäbischen Schriftsteller Stephan Wackwitz, zahlt auch was. Der bleibt dor.

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Als wir vom Flughafen in Tbilissi abgeholt werden, ist es weit nach Mitternacht. Im Scheinwerferlicht sehen wir rissige Fassaden, alte Straßenbäume, neonleuchtende Digitalanzeigen von Wechselstuben, gelbliche Späti-Buden, kurvige Gassen, postsowjetische Hülsenarchitekturen, steile Wolkenkratzer, futuristische Glasröhrenbauten, am Hügel eine angestrahlten Ritterfestung. Wir sind auf der Stelle verliebt. Eigentlich bräuchte es gar kein ausgefuchstes Bestechungsprogramm mehr, damit wir das Lob auf unsere Gastgeber singen. 2018 wird Georgien guest of honour der Frankfurter Buchmesse sein. Das bietet die Chance, sich auf der Landkarte der internationalen Aufmerksamkeit zu positionieren,  nicht nur seine Autoren, Bücher und Verlage, ein bisschen Kunst, Küche, sonstige Exportartikel und touristische Attraktionen bekannt zu machen, sondern sich überhaupt ins Gespräch und politische Bewusstsein zu bringen. Das ist bei diesem bayernkleinen Land zwischen Schwarzem Meer und Kaukasus, vor allem aber zwischen Russland, Türkei, Armenien und Aserbaidschan ziemlich existenziell. Um den Frankfurter Auftritt optimal auszunutzen, stellen besonders die kleineren Länder ihren Kulturministerien meist einen sehr üppigen Werbeetat zur Verfügung. In den vergangenen Jahren ließen Island und Finnland legendäre Pressereisen springen, an die wir uns sehr gerne erinnern. 2018 ist zwar noch ein wenig hin, aber wir sind nicht die ersten deutschen Gäste auf Rechnung der georgischen Regierung. (Wer regiert da eigentlich gerade?) Vor uns war gerade eine 15- köpfige Delegation aus Museumsleuten da, im letzten Jahr ein Haufen Verleger. Die müssen rechtzeitig davon überzeugt werden, dass ihnen bis dahin völlig unbekannte Autoren mit völlig unaussprechlichen Namen (Island, Finnland!) super interessant sind, und es sich lohnt, deren Bücher 2018 herauszubringen. Weil die Übersetzungen ins Deutsche vom Gastland übernommen werden und die Schriftsteller dann auf Kosten Georgiens zur Buchmesse antanzen dürfen, ist das wiederum besonders für arme kleine Verlage ziemlich attraktiv. Doch bevor wir Dienstreisenschnorrer die ersten echten Schriftsteller treffen, gibt es erst mal einen Ausflug in die Geschichte Georgiens. Und die ist sehr sehr lang.

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2 Antworten zu literaturexpress nach tiflis

  1. eimaeckel schreibt:

    Faszinierend. Auch wegen des rasanten Einstiegs, der mitten in die gebeutelte Region führt. Was sind Hülsenarchitekturen?

    Liken

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