Die Schnitzer der Geschichten

 

John Kasaipwalowa (links) schreibt nicht mehr. Seitdem 1972 in post-68-er Studentenunruhezeiten sein australisches Visum nicht mehr erneuert wurde, ist er Gärtner geworden. Seine Hongkong-chinesische Zweitfrau Maria arbeitet im Yamsgarten und schaut nur unwillig auf. Gerade an diesem Tag hat John mit seiner Schule für Meisterschnitzer begonnen. Eine Handvoll der 22 Schüler, allesamt sehnig dünne Männer und bereits langjährige Schnitzhandwerker, kauern im Kreis vor John und dem Meisterschnitzer  Valaois (rechtes Foto) Der muss uralt sein, seine Augen sind fast blind verschleiert, die dunkle Haut schlottert echsenhaft an seinen Rippen herunter, er lacht ein breites, verschmitztes, Lachen und entblößt dabei seinen fast zahnlosen Mund, was bei der ewigen Betelkauerei aber nichts heißt. Für mich wird der einzige Plastikstuhl herangeschafft, mein Tabakszopf ist hoch willkommen. Ein Indianer, der nicht raucht, wird wahnsinnig, sagteeinst der bayrische Schrifststeller Herbert Achternbuach. Wer kreativ sein will, muss rauchen, sagt John. Hinter uns steht eine nagelneue Hütte, das Zentrum der Schule. Das Klassenzimmer – die Werkstatt ist  unter freiem Himmel, bzw. dem hohen Blätterdach des Waldes. In die Hütte zieht erstmal John Hill ein. Der Agroingenieur aus England ist ein Abenteurer mit einem riesigem rotem Zinken im Gesicht, der schon zum dritten mal bei John lebt und ihm Tipps zum effektiveren Gartenbau gibt. Die Bevölkerung wächst rapide, die Johns sprechen von einem Anstieg von 8 auf 40 000 seit der Jahrtausendwende.Rebecca von der Lodgesagt 50000. Zum Ernährungsengpass kommt hinzu, dass die Kinder jetzt zur Schule müssen statt auf den Feldern mithelfen zu können. Immerhin hat die Regierung das Schulgeld abgeschafft. Johns Meisterklasse der Schnitzer soll der Erhaltung der Tradition, der Weiterentwicklung und dem Empowerment der Handwerker dienen. Als erstes hauen sich die 22 Schüler ein Stück Baumstamm zurecht und schnitzen dann ein Stück zu einem Thema einer Volkslegende. John will sie dazu bringen, die immer repetierten Touristenmotive zu überwinden. Am Postkartenstrand von Kaibola legen jeden Jahr 43 Kreuzschiffe an und spucken über 2000 Tagestouristen aus, fast 100 000 pro Jahr, im Grunde (bis auf mich) die einzige Möglichkeit, Schnitzereien zu verkaufen und überhaupt etwas Geld zu verdienen. Die universelle Cash-Ökonomie hat längst auch das aus Männerträumen verklärte Paradies der freien Liebe und der kollektiven Tauschwirtschaft eingeholt. Der Kula-Ring mit seinen rituellen Muscheltauschzyklen und der sozialen Verbindung der Tauschpartner existiert zwar noch und wird offenbar auch noch praktiziert. Wenngleich heute mit Motorbooten statt mit elaboriert geschnitzten und verzierten Kanus und Dingis um die Wette zwischen den Inseln hin und weg gebügelt wird. Aber die resiliente Tradition scheint ihre Bedeutung mehr in symbolischer denn in ökomomischer Hinsicht bewahrt zu haben. Darüber wird denn verständlicherweise auch nicht gerne gesprochen, zumindest nicht zu Touristen. Der früher damit einhergehende Tausch von Waren, wie Fische, Yams, Betelnüsse wird heute gegen Geld auf dem Marktplatz oder in einem der zwei zugegeben arg mickrigen Lädchen abgewickelt. Doch da kommt John mit seiner neu gegründeten Schnitzerschule wieder ins Spiel. Geht es ihm dabei doch genau darum, die Weisheiten der Alten zu bewahren und weiter zugeben. Unnötig zu erwähnen, dass John einer der höheren Kulaner ist. An der neuen Hütte baumeln zwei unscheinbare Holzwimpelchen vom geflochtenen Palmblattdachfirst. Sie sind leicht wie Laubsägearbeiten und haben in etwa die Form einer stilisierten Feder. Es sind magische Objekte, die sowohl dem Empfang wie dem Senden, dem Reflektieren oder Weiterleiten von Botschaften dienen können. Ein ferner Kulapartner kann sich zB. dadurch ankündigen oder auf etwas aufmerksam machen. Nur der Eingeweihte, oder sollten wir sagen, nur der Aufmerksame kann die Botschaft wahrnehmen und deuten. Es ist wie mit der Antenne als Zeichen für den unentwegt tastenden Fühler der Heuschrecke, die sich manche in Form einer Feder oder eines Blütenstiels zur verschärften Wahrnehmung ins Haar stecken. Oder wie die Spiegelscherben in Fetischen, die den bösen Blick zurückweisen. Und direkt sind wir beim Kirchenbashing; Die Missionare, so John, sind inzwischen noch aggressiver, brutaler und effektiver auf ihrem Kreuzzug gegen die traditionelle Kultur, weil sie inzwischen keine Fremden mehr sind, sondern betelkauende Einheimische, Mitglieder des Clans und der Familie. Und natürlich werden sie von außen finanziert. Den  einfachen.,ja unachuldigen Menschen, das muss eimgeräumt werden, gefällt es. Es gibt gemeinsame Lieder, gemeinschaftliches Essen, schöne Gemeinschaftsgefühle bei den Gottesdiensten. Und eine höhere Macht, die verantwortlich ist, ein Gott, ein Glaubenssystem, dem man sich unterordnen kann. Den Missionaren der verschiedensten hier frei herumwildernden Kirchen und Pfaffen, den Methodisten, Adventisten, Revivalisten, ist es gelungen, die Sünde einzuführen und die freie Sexualität zu kriminalisieren. Schon an der Frittenbude am Flughafen liegen indoktrinäre Pamphlete aus Hanover, USA aus, in denen das sündige Treiben und Denken verdammt wird. Die Missionare haben ihnen die Scham vor dem nackten Körper gebracht, der nun mit lumpigen T-Shirts aus den Sweatshops der Welt bedeckt werden muss. Was versprechen die Christlichen Kirchen dafür? Erlösung, von der Sünde, die sie vorher eingeführt haben. Das Paradies der Bedürfnislosigkeit – noch immer leben die Leute hier zu 80 Prozent in Selbstversorgung – wird durch die Armut der westlichen Überflussökonomie ersetzt.  Noch gibt es kein Fernsehen, so gut wie keine Werbung, es sei denn auf vereinzelten zum Hausbau verwendeten Planen, fast keinen Müll, die Aludosen der geliebten Konserven (die Amis haben sie im zweiten Weltkrieg eingeführt) werden als Topfaufsatz bei Kochfeuern weiterbenutzt oder als Kinderspielzeug. Es gibt ein paar Transistorradios, ein paar Mobiltelefone, die hauptsächlich zum Musikhören benutzt werden, und nichts gegen Solarbetriebene Lampen und Paracetamol. Goodenough? So nannten dieSeefahrer aus Europa eine der Nachbarinseln.

Werbeanzeigen
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Allgemeines, Armut, Errinnerung, Insel, Reise, travel abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Die Schnitzer der Geschichten

  1. Lakritze schreibt:

    Es fehlt der Knopf „gefällt mir sehr“.

    Liken

  2. docvogel schreibt:

    wie super nett! danke sehr, lg s

    Liken

Schreibe eine Antwort zu Lakritze Antwort abbrechen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s