Aufwartung beim Häuptling

 

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Zu den staubgrauen Füßen des Paramount Chiefs lässt sich auch jene von mir leider unbetuchte erste Gattin nieder. Sie trägt ein schwarzes T-Shirt und einen dunkelblauen Rock und eine sehr schöne bunte Seiltasche aus dem Hochland, das auf Papua Neuguinea ist, wo die Deutschen während ihrer Kolonialherrschaft den Kaffee einführten. Die erste Cheffrau hat nur fünf Kinder, der älteste Sohn ist in Port Moresby bei der Armee als Hubschrauberpilot. Der kann dann Hilfsgüter abwerfen, wenn die Magie des Chiefs als oberster Wettermacher doch nicht mehr ausreicht, um gegen die Trockenheit durch El Nino genug Regen zu schicken. (Aber nach unserem Besuch schüttet es jeden Tag für Stunden.) Und wie nebenbei hängt an einem alten Holzbalken vor der groben grünen Plastikgaze eine tellergroße Soulava und eine Mwaly. Die üppig mit kleinen Kauris, Perlen und bunten Schnüren dekorierten Muscheln an dicken Seilen sind die wertvollsten Tauschgegenstände des Kula-Rings. Der Armreif wandert gegen den Uhrzeigersinn, das Halsgehänge andersherum. Jedes Objekt wird verehrt wie ein Heiligtum, es ist ein Archiv seiner Geschichte, jeder der Tauschpartner kennt alle seine vorherigen Besitzer und ist so mit ihnen in einem festen Sozialgefüge verbunden. Das System des Ringtausches von ökonomisch eigentlich wertlosen Muschelschmuckstücken zwischen auserwählten Personen in einem geschlossenen Kreislauf wurde vor gut 100 Jahren durch den polnischen Anthropologen Bronislaw Malinowski erforscht. Und der wohnte genau hier bei dem Vor-Vorläufer des jetzigen Chiefs im Dorf Omarakana. Eine Steinplatte im Boden erinnert an den „Tolibwoga“, den Herrn der Geschichte, den Historiker  Malinowski. Malinowski war 1913 hierangekommen und kam wegen dem Ersten Weltkrieg erst mal nicht wieder weg. Aber was könntees besseres geben, zumal für einen Polen, als hier im Paradies zu stranden und den grauenhaften Krieg zuhause auszusitzen. Malinowski blieb drei Jahre, studierte die Bräuche der Eingeborenen, die in einer matrilinearen Gesellschaft leben uns so den Frauen die Macht über die Kinder und auch die Yamsgärten gibt.  Seine Bücher über die „Argonauten des westlichen Pazifiks“, die freie Sexualität der Trobriander und das auf den Kula-Tausch aufgebaute, Geld-freie Sozialsystem der Insulaner verliehen dem romantischen Südseemythos quasi wissenschaftliche Grundlagen. Unser Lodge-Bully parkt direkt neben dem Gedenkstein, im Nu finden sich ein Dutzend junge Männer und zahllose Kinder ein, um ihre geschnitzten Salatschüsseln mit Perlmutt-Intarsien feilzubieten. Der australische Künstler Newell kauft spottbillig ein Holzbrett von einem Yamshaus, das mit traditionellen Bemalungen verziert ist. Erhat ein schlechtes Gewissen, weil es sich schließlich um ein kultisch aufgeladenes, quasi heiliges Brett handelt. Die kleinsten Kinder streicheln über das Autoblech, besonders die roten Rücklichter haben es ihnen angetan.

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