An den Rändern der Geheimnisse

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Die Mwalis von Sinaketa

Die als kurz angekündigte Fahrt in den Süden von Kiriwina kommt mir gefährlich und stundenlang vor. Mitten im diesem riesigen Ozean, der ein Drittel der Erdoberfläche bedeckt, hört der Motor auf zu knattern, wir tuckern nur noch in Zeitlupe. Seegras wiegt sich unter uns, der Sandboden ist nur hüfthoch tiefer. Sinaketa, was soll ich sagen. Eine ordentlich um einen sauberen Rasenplatz gruppierte Ansammlung von Pfahlhäuser aus Holz, Bastwänden und Palmdächern. Theroux hätte es bessere Hühnerställe genannt, aber die Hühner laufern frei herum und die Schweine grunzen unter den Stelzenböden. Schon am ersten überdachten Podest, auf dem der Pfarrer konzentriert die Bibel studiert, ein Haufen großäugiger Kleinkinder auf Mütterschößen lümmelt, spricht mich ein Mann an. Er heißt Mark,  wie der Bootsbesitzer auch. Heute ist Mark-Tag. Mark Mwburikommt sofort zur Sache: Sinaket ist eine der Hauptstationen des Kula-Rings. Er zeichnet mir eine Karte auf, einen Kreis, in dem die Mwali und die Soulava-Muschelstücke von einer Insel zur anderen in entgegengesetzter Richtung rotieren. Selbstverständlich ist auch Mark ein hohes Kula-Mitglied, er erzählt von der Macht, de nach wie vor intakten Magie, dem Vertrauen zwischen den Tauschpartnern – für die Kamera will er das aber lieber nicht erzählen. Was ist, wenn ein Partner nach Ausstralien geht, frage ich, und dort die Muschel verkauft? Dann ist der Ring gebrochen, und wenn er die Macht zumTöten hätte, würde er den Verräter umbringen, sagt Mark sanfttig. Über seine Schulter lächelt ein Junge noch charmanter, er ist ein Mongo und der erste Behinderte überhaupt, den ich hier sehe. Fast alle Männer des Dorfes seien im Kula-Ring engagiert, und es würden neben den wertvollen Muscheln auch immer noch Schweine, Yams usw alles getauscht, nur heutzutage mit dem Motorboot und nicht mehr mit dem geruderten Kanu und die Frauen würden auch immer noch ihre traditionelle Rolle dabei spielen. Freie Liebe, nackte Brüste, Baströckchen? Ja doch, die Kirche habe da ein wenig dran gedreht, aber nie grundsätzlich den Kula-Ring in Frage gestellt. Die Kula-Mission, also die Reise um die Inseln dauere ein Jahr, oder findet sie eher einmal im Jahr statt? Auf der kleinen, nahezu unbewohnten Insel Muwa oder Duwa nebenan würden die Objekte aufbewahrt, sein Dorf Sinaket sei ein Rastplatz für die männlich Mwali. Als ich ein wenig herumstromere, sehe ich zwei kostbare geschmückte Mwalis unter einem Dachvorsprung an einer staubigem Wellblechwand hängen, einfach so. Daneben ist ein Ladenverschlag mit Konservendosen und Kekspackungen. Zurück an der Mole ziehen dramatische Gewitterwolken auf, ich will zwei Bananen kaufen, aber das Kind nimmt all mein Kleingeld und gibt mir neune, ich weiß noch nicht, wen die zrösten werden. Bei der Lodge versuche ich vergeblich ein wenig Yoga zu machen, aber man ist hier nie allein. Philipp, ein dürrer kleiner Junge, er sagt er sei vielleicht 11, weicht nicht von mir. Es wird stockdunkel, er will nicht nach Hause. Sein Vater hat Bier getrunken – es ist Weihnachtszeit, wo die erwachsenen Kinder mit Geld nach Hause kommen – jetzt streitet er mit Philipps Mutter und hat ein Buschmesser. Wieder ein Tag im Paradies.

 

xx

 

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