kreative Erschöpfung

Olympiade

Olympiade

Es fing am Abend nach den Wasserfällen an. 30 km von der platten Retortenstadt entfernt gibt es einen Naturpark. Ein Trampelpfad führt durch dschungeligen Wald voll Vogelgeschrei, das sich wie ein Konzert von Alarmsirenen verschiedener Nationen anhört. Verholztes Lianengeschlinge, handtellergroße Schmetterlinge, stille Brüllaffen in Blätterdickicht. Die Wasserfälle sind hoch, aber klein, ungefährlich kann man in den Bassins platschen und sich unter die donnernden Brausen hocken. Das Wasser ist mineralisch, eisenhaltig, rot, in den Steinen ein Stückchen Katzengold. Nach der Dusche sind wir kurz erfrischt und dann müde. Am Abend esse ich mit dem schweizer Food-Maniac Samuel (www.hoio.ch) Carne do Sol, eingesalzenes, an der Sonne, gerne direkt an einer vielbefahrenen Hauptstraße, getrocknetes Rindfleisch. Beim anschließenden Künstlergespräch am Pool kann ich mich nicht mehr konzentrieren. Am Morgen danach keinerlei Energie. Es geht mehreren so. Eine Welle der Niedergeschlagenheit und Ohnmacht überrollt uns. Der Aktionskünstler Yuri Firmeza sagt, er fühle sich wie in einem Laboratorium der Konfusion. Er habe heute eine Idee, die er am anderen Tag für nichtig hält. Ich bin verloren, sagte Bernardo Zabalaga. Der Bolivianer ist Energietherapeut, als Künstler macht er Videos. Wir schlafen alle bis in den Spätnachmittag, bis wir uns doch noch aufrafften, zum Stadion zu fahren. Das Denksystem in seinem Kopf, so Bernardo später, sei erschüttert, aber das sei gut so und gehöre zum kreativen Prozess. Jetzt sei sein Harddrive voll, er müsse sortieren und vergessen. Am Sonntag hat er eine Schamanin besucht, weit draußen im leeren Land, die in ihrem weitläufigen Garten und Haus art-brut-artige Kunstwerke und Altäre aufbaut, kunstvoll mit Glimmer, Perlen und Knöpfen beklebte Füllhörner bastelt, mit denen man das Böse, wie mit Schröpfgläsern, aus Körpern raussaugen könne. Sie sagte, das sei ihre Aufgabe, eingegeben von außen oder von oben. Denn die Erdachse sei aus dem Lot, sie wieder zu justieren würde ein Erbeben verursachen, Tod und Leid bringen, Gifte aus der Erde befreien und sie berge die Heilmittel und Samen für die Zukunft der wenigen Überlebenden. Eigentlich könnte sie eine gewöhnliche Verrückte sein, sagt Bernardo, aber er habe eine starke Energie gespürt, die ihm zeigte, dass das nicht Irrenkitsch ist, sondern Kunst, die höheren Gesetzen folge. Oder andersrum: Kunst brauche den magischen Konzext, um mehr als ein Haufen Schrott aus privaten Mythologien zu sein. Bernardo grübelt über die Erfindung einer Ethnie von Aliens, Landeplätze für sie gäbe es in der Geisterstadt Palmas genug.
Könnte es sein, dass die Energie dieses Ortes, von der jeder hier so gerne berichtet, eine negative ist? Wurde diese Stadt mit ihren ausgestorbenen Autoboulevards, die abends handtellergroße Vogelspinnen kreuzen, ihren Bauruinen am Ufer des Flusses, den quadratischen Brachen mit Cashew- und Mangobäumen, den stacheldrahtbewehrten, schon ausgeblichenen Villen, die zum Verkauf stehen, dieses ganze Planungsmonster, in das in den 25 Jahren ihrer Gründung viel zu wenige Menschen gezogen sind, vielleicht sogar auf einem Energieloch gegründet? Das auch unsere Energien aufsaugt? Oder ist es einfach das Wetter, die sengende Sonne, unsere falschen Erwartungen und die Ratlosigkeit darüber, was wir jetzt und hier damit machen sollen?
Die meisten Mythologien der Indios, so erklärt uns eine zu Rate gezogene Anthropologin aus Palmas, handelten vom Ende der Welt. The Falling Sky ist der Titel eines Buches von Davi Kopenawa, einem Schamanen der Yanomami vom Amazonas. Die runden Ornamente mit ausstrahlenden Federn stehen für die Sonne. Das leuchtet ein. Am Himmel zieht gerade ein orangefarbener Vollmond auf. Der Wind, aus dem Paulo Nenflidio mit eigens konstruierten Maschinen oder Instrumenten Klanginstallationen macht, steht bei den Schamanen für Kraft. Wenn es keine Gesänge mehr gibt, dann kündigt auch dies vom Ende der Welt. Ohne Lieder kein Leben. Deshalb das rituelle Ugabuga mit Vorsänger und kollektivem Refrain vor jedem Wettbewerb. Die Namen der Ethnien oder Völker, die ich mühsam buchstabiere – Kaiwua, Apinaja usw- sind auch gar nicht die richtigen, da sie den Ethnien von den Weißen gegeben wurde. Nun sind wir so klug wie zuvor. Aber die Fragen haben sich geändert.

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