Flipflops und die Königin der Kreissäge

Dürfen wir die Indianer einfach so knipsen?

Dürfen wir die Indianer einfach so knipsen?

Live aus dem Stadion: Man kommt kaum dazu den Wettkampf im Bogenschießen zu verfolgen. Der findet mitten auf dem Sandplatz der Arena statt, wird aber von einer Drohnenkamera auf eine Großleinwand übertragen, neben dem olympischen Feuer in einem riesigen Topf. Die Szenerie zu beschreiben, ist auch blöd. Denn man will lieber dauernd Fotos machen. Ein wahrhaftiges Bilderbuch aus Winnetou-Filmen und Amazonas-Reportagen flaniert vorüber. Man weiß bald nicht mehr, wo einem die Sinne stehen. Die in allen erdenklichen, nur für Eingeweihte lesbaren, Mustern bemalten Körper tragen Baströckchen, massenhaft Perlenschnüre um die Taillen, die Hälse und überkreuz, Kopfputz aus Federn in allen Farben und Formen, von Nachtblau bis Flauschrosa, als riesiges Pfauenrad, Heiligenschein, Fliegende Untertasse oder zylindrisch wie eine Kochmütze, gestrickte Armwärmer oder Wadenpuscheln mit Bommeln, Perlenschürzen, gewobene gelbrote Lendentücher, Oberarmreifen mit schillernden Federschwänzchen, Pfeile in Bastköchern, immer dabei die obligatorischen Flipflops.
Der Künstler Paolo Nazareth lief und trampte mal zu Fuß von Belo Horizonte bis nach Miami – auf Flipflops. Die Grenze von Mexiko zu den USA überquerte er illegal, seinen Pass gab er einem echten Migranten. Das wurde bei einer späteren Einreise zu einem kleinem Problem. Jedenfalls kann er jetzt jeden Flipflop reparieren. Das tat er gestern bei einem alten Indio, der auf einem Schuh vor dem Stadion daherhumpelte, den anderen in der Hand. Der Indio wurde sauer und wollte seinen Flipflop wieder kaputt zurück zu haben. Das aber gelang Paolo nicht.
Am ersten Tag gabes bei einigen Künstlern echte Bedenken, ob man die fast nackten, aber prächtig ausstaffierten Indigenen überhaupt ablichten darf. Als ob sie die Exoten vor unseren voyeuristischen Blicken beschützen müssten. Aber man darf. Einige der Abgesandten der indigenen Völker sind ja eigens dafür angereist, um gesehen zu werden. Lusianna, die Frau von Paulo, arbeitet als Kommunikationsexpertin mit einer Gruppe von Indianern im Matto Grosso. Deren Kraft besteht in ihrem Selbstbild darin, sich unsichtbar zu machen. Das ist vielleicht gut, weil sie verfolgt und bis heute massakriert werden, aber ungünstig, um Rechte einzufor den. Das kann nur, wer sich wahrnehmbar macht und in einer mehrheitsgesellschaftlich verstandenen Sprache artikuliert.
Die angreisten Ethnien stellen sich mit ernsten Gesichtern stoisch und professionell in Pose. Ein paar besonders spektakulär Kostümierte, die vor dem Zaun auf Matten im Dreck ihr Kunstgewerbe verkaufen, verlangen auf einem Schild circa 50 Cent für ein Foto. Andere fotografieren sich gegenseitig mit Smartphones, Selfiesticks und professioneller Kameraausrüstung. Besonders gefallen mir die Kittelschürzenindianerinnen, bei denen man sich, also auch ich, bemalen lassen kann. Inzwischen haben sie es von draußen vor dem Zaun bis ins Zelt des Kunshandwerks geschafft, wo sie eine eigene Koje bespielen. Das drinnen und draußen vermischt sich rasant. Die Indiogruppe, die bei der Eröffnungsfeier vergeblich an das Gatter geklopft hatte, ist inzwischen im Stadion willkommen – wie jeder, der das will. Eintritt frei für alle. Die Protestgruppe durfte sogar mitspielen und gewann unter triumphalem Geheule des Publikums beim Seilziehen. Der Protest richtete sich gegen eine Gesetzesvorlage der Landwirtschaftsministerein Katja Abreu, genannt „Königin der Kettensägen“, die den Indianern ihre Landrechte weiter streitig machen wird. Am dritten Tag der Festspiele wird das Gesetz durchgewunken. Aber Künstler und Journalisten, die nichts lieber machen, als Protest unterdrückter Minderheiten zu dokumentieren, zumal wenn er visuell so viel hermacht treffen hier auf Protagonisten, die auch nichts lieber tun, als ihre Forderungen vor laufenden Kameras vorzutragen.
Im Stadion läuft derweil brasilianischer Schnulzenpop und ein Filmchen mit dekorativen Indios auf Bäumen, die mir Pfeilen schießen. Damit wird die kommende Disziplin angekündigt. Die Zeilscheibe ist ein stilisierter Fisch, der in nummerierte Stücke filetiert ist. Ein jugendlicher Schütze im blauen Lendenschurz rennt in die Arena und schießt ein paar Pfeile ab. Der Moderator feuert die Menge an, aber das war nur der Trailer. Man könnte fragen, ob das für die Indigenen überhaupt Sport und nicht Lebensart ist, was von der aktivistischen Feministin aus Berlin auch gleich gefragt wird. Noch eine Runde Unterhaltungspop, derweil weitere lebendige Fotomotive wie auf dem Laufsteg vor den blauen Schalensitzreihen defilieren. Seile und Stangen werden umgruppiert, dann geht es echt los. Die Teilnehmer treffen alle nicht besonders gut. Aber es geht ja nicht ums gewinnen, sondern ums feiern, so mindestens lautet der offizelle Slogan.

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