Souvenirs from the men I left

Mei Marktstand mit Aussicht

Mein Marktstand mit Aussicht

Flohmarkt am Mauerpark. Das Regenradar zeigt Volltreffer: Sturmböen, Dauerregen und kalt. Um halb sieben sagt Freundin R. ab, mit der ich einen Stand zusammen gemietet hab. Ihr Sohn am Nebenstand tut sich das gesundheitsgefährdenden Abenteuer auch nicht an. Ich hab schon die langen Unterhosen an und am Abend zuvor Koffer und schwere Beutel voll Zeugs vier Etagen runter geschleppt und das Auto beladen. Es gibt kein zurück. Kurz nach Sieben, für mich eigentlich noch mitten in der Tiefschlafphase, hab ich meinen Stand bezogen und das Auto vom Gelände raus geparkt. Wäschleine gespannt, Hüte, Tücher und Sonnenbrillen an Klammern aufgehängt, Klamotten auf Bügeln an Balken dekoriert und den Rest auf einer schillernd grünen Decke ausgelegt. Es regnet in Strömen, ich trinke Tee aus der Thermoskanne und finde es eigentlich ziemlich gemütlich in meinem überdachten Puppenhaus aus Krams. Um halb neun verkaufe ich zwei Sonnenbrillen für drei Euro, mindestens zwanzig haben sich in den letzten dreißig Jahren in diversen Schubladen angesammelt. Türkische Händler schleichen dauernd vorbei und machen mir obszön billige Angebote für meine alte Arzttasche aus Schweineleder. Gegen halb zehn hab ich noch eine Sonnenbrille verkauft. Dann stürzt mein Stand zusammen. Alles landet im Dreck, Gläser gehn zu Bruch. Ich ziehe um und baue neu auf. Nach weiteren stürmischen Stunden sind die Nachbarstände vwrwaist und ich zieh noch mal ein paar Stände weiter, um zumindest an der Ecke des Stroms der erstaunlichweise doch anwesenden Besucher zu sein. Bei einer der nächsten Sturmboen kracht die ganze Reihe der Stände gegenüber zusammen. War aber keiner mehr dort. Bei mir wird die sauschwere Plastikplane des Dachs immer wieder wie ein Segel hoch in die Luft gerissen, was auch mich beim Versuch sie wieder in zurückzuzerren in ständiger Bewegung hält. Ich habe ein Hemd, das ein schwuler südafrikanischer Künstler mit Spiegeleiern und riesigen Penissen bedruckt hat, auf die Leine gehängt, was ein paar arabische Jungs kichernd kommentieren, die sich dann eines der orientalisch bestickten Käppchen aus der Türkei, dem Senegal oder Kasachstan kaufen. Wusste gar nicht mehr, dass ich davon so viele angesammelt hatte. Auch bei hübschen jungen Touristinnen aus Spanien sind die muslimischen Mützchen Hiphop-cool. Mein Schild mit dem Spruch „Souvernirs from the men I left“ sorgt bei ein paar Passanten für Grinsen. Und das Brot, das ich gebacken hab, weil ich dachte wir wären zu fünft hier, geht bei langbärtigen Zauseln weg wie eben geschnitten Brot. Die nehmen auch schon mal eine meiner ansonsten völlig ignorierten selbstgemachten Brombeer-Sauerkirsch-Chili-Marmeladen mit. Zwei Roma-Matronen kurven mit einem mit Mülltüten beladenen Einkaufswagen durch die Schlammpfützen und fragen nach Geschenken. Sie nehmen meine Gartenäpfel an und essen sie gleich. Alles, was teurer als sieben Euro ist, kann ich wieder einpacken, aber den ganzen Krimskrams hab ich fast ausverkauft. Bis auf paar Tassen und Gläser, aber das besorgen die Plünderer, die sich über mein ordentlich verstautes und mit zwei Klappstühlen demonstrativ, dachte ich, beschwertes Gepäck hermachen, als ich sieben Minuten weg bin, um das Auto zu holen. Wieder zuhause mit meinen leeren Koffern und nur einem voller durchnässter, schöner Kleider, bin ich fix und fertig. Und 180 Euro reicher für Zeugs, das mir nie mehr fehlen wird.

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