Ich weiß nicht, was soll es bedeuten

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… dass ich so traurig bin. Es ist fast dreißig Jahre her, dass ich in Havanna auf einem Platz in der Altstadt stand. Ich war gerade erst angekommen, hatte keine Ahnung und sprach kein Wort Spanisch. Ich war auch zum ersten Mal außerhalb von Europa, es roch nach Zimt und die Luft war Seide. An einer Ecke leuchtete ein kleines Straßencafe im Schein einer Cocalcola-Reklame. Als ich mich hinsetzte, verscheuchte man mich freundlich. Ein Feuerwehrauto spritze die Kreuzung nass. Ich verstand nichts. Ich blieb am Rand der Szenerie stehen. Da kam ein schöner Mann auf mich zu und sagte leise diese Gedichtzeile (Ein Märchen aus uralten Zeiten, Heinrich Heine, Loreley).Ich schlief noch dieselbe Nacht bei ihm. Er wohnte im Kolonialhotel Havanna Libre, ein brauner Junge schlief mit im Bett. Am Morgen kuschelte der Junge sich an mich und sagte, wie kalt meine Haut sei. Der schöne Mann aus Puerto Rico war der Regisseur eines Filmes, die Cola-Reklame und das Straßencafe ein Filmset. Ich blieb fast eine Woche bei den beiden, am Vormittag wärmte ich meine Haut im Liegestuhl neben dem Jungen am Pool und ging ab und zu zum Klamottenwechseln in mein billiges Altstadthotel. Abends kamen viele Filmleute in das Hotelzimmer unseres Latinlovers, es wurde getrunken, gelacht, alle sprachen Spanisch und ich malte mir die wahnsinnig interessanten Unterhaltungen aus. Einmal ging unser Regisseur an den Schrank und holte zur großen Begeisterung aller ein amerikanisches Reisebügeleisen hervor. Hatten sie die ganze Zeit darüber gesprochen? Es hat große Vorteile, die Sprache nicht zu verstehen, wie die feministische Anthropologin Margaret Mead gesagt hat. Nachmittags ging ich in eiskalte Kinos. Es waren Filmfestspiele in Havanna und am zweiten Tag fand ich heraus, wo ich mich akkreditieren konnte. Auf meinem Filmfestspiel-Ausweis hieß ich Sabine Berlin, statt einem Presseausweis hatte ich meine Monatskarte gezeigt. Ich zog um in das Filmfestspiel-Hochhaushotel mit Dachterassenpool, an dem ich Harry Belfonte sah. Auf einer der Parties lernte ich ein deutsches Paar kennen, das nur wenige 100 Meter entfernt aber jenseits der Mauer von der taz, meinem damailigen Arbeitgeber in der Voltastraße, in Ostberlin wohnte. Mit denen bin ich bis heute befreundet. Ich traf einen blonden Holländer, der in Nicaragua einen Dokfilm über einen Sektenführer gedreht hatte. Er gewann dann den Preis. Als er mich ein Jahr später in Berlin besuchte, lebte ich neuverliebt mit einem anderen Mann zusammen. Der Holländer aus Nicaragua schlief eine Woche ohne Liebe im Arbeitszimmer. Und warum erinnere ich mich heute an all dies? Weil ich nicht weiß, was soll es bedeuten, dass ich so traurig bin. Dabei bin ich gar nicht traurig, sondern wütend. Eine ungestüme Wut brodelt in meinem Bauch, und ich weiß nicht warum.

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