Beim Griechen in der schwäbischen Provinz oder die rechte Hand des Mondes

künzelsauer gastfreundschaft

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Hinterm Tresen stehen ruppige Kerle, die man sofort mag. Wie der eine zärtlich die Lade der Kaffeemaschine zuknallt, der andere hustet und sich sofort eine Kippe anzündet und „so“ sagt. Sie sind seit über 35 Jahren hier, sprechen aber immer noch mit ausländischem Akzent. Wie die Hohenloher auf den Barhockern vor dem Tresen ihren erdigen Schwabendialekt sprechen. „Die andere Leit kann i net ändern, aber mi, die chance hab i“, sagt der Weißhaarige mit sonnengebräunten Runzeln, der in lebensphilosophischem Disput mit seinem ebenfalls ununterbrochen rauchenden und Rose-Schorle schlotzendem Freund versunken ist. Der eine Grieche heißt Ayhan und ist Türke aus Izmir. Sein Name bedeutet „die rechte Hand des Mondes“ eigentlich ist er der Mond, aber seinem Kompagnion, dem Griechen gehört die Kneipe am Bach. Es ist die einzige, in die ich am Sonntag Abend zur Tatortzeit noch hingehen kann. Auf der Hauptstraße hat noch eine Eisdiele geöffnet, da sitzt eine große Runde, einer schießt Erinnerungsfotos. Der richtige Grieche jagt mit einer gefalteten Zeizung in der Sschlaghand eine Hummel, die sich in den Raum verirrt hat. „Bischt von hier?“ fragt der Türke, den ich da noch für einen Griechen halte. „Lass dich nie mit Frauen ein, die eine Zwillingsschwester haben, verliersch du immer“ sagt der neuangekommenen Glatzkopf zum Türken. Dann checkt er dauernd sein Smartphone. Er verkauft Öfen, nur Holz und Pelltes, aber seit zwei Jahren ist Ofenkrise. „Voyage, voyage“ läuft, lauter so steinaltes Rockmusik-Schlager-Zeugs. Dieses dumme Verlangen macht mich schon den ganzen Tag fertig. Ich gebe hier wohl eine traurige oder komische Figur ab. Aber das stört niemanden, am wenigsten mich.Volles Loserklischee. Grauhaarig, Jeans, Parka, einzige Frau am Tresen und rauche Selbstgedrehte, trinke zügig und notiere mir auch noch Sachen auf diesen Zettelblock, den mir der Griechentürke aus Izmir gegeben hat. Aus Smyrna, da haben die Türken vor 100 Jahren die Griechen in einem Inferno umgebracht oder vertrieben, was ich erst durch Jeffrey Eugenides Roman erfahren hab. Heimatvertriebene alle. Und ich fühl mich hier in dieser Griechenkneipe mit den Postkarten an der Tür zur Küche in meinem sturzöden Heimatkaff zuhause. Die Wiese versteppt, des Haus leer, die Katze sofort da. Ayhan geht tagsüber in die Fabrik, Metallarbeiter, in vier Jahren Frühpension, obwohl, er kann Lkw-fahren, Import-Export, Ideen hat er viele. Inzwischen hat er mir ein Feuerzeug geschenkt. Und eine Handvoll seiner Erdnüsse auf einem Tellerchen hingestellt. Side by side…harmony“. Eigentlich könnt ich jetzt gut eine Runde heulen. Für die Korfu-Tasse im Flaschenregal.

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