Auf Speed

Berlin Tiergarten

Berlin Tiergarten

Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch. Schrieb Hölderlin. Das seh ich jetzt noch nicht, aber es ist schon irre, was Katastrophennachrichten für Energien mobilisieren können. Am Freitag Abend fand ich meine Wohnungskündigung wegen „Eigenbedarf“ im Briefkasten. Seitdem bin ich wie auf Speed. Die erste Nacht verbrachte ich fast ganz im im internet auf Wohnungsangebotsseiten. Samstag früh rief mich schon der erste Makler zurück und ich fuhr in den Wedding, mir ein Haus mit einer freien Wohnung anzugucken. Bis auf die tieffliegenden Flugzeuge war dort nur Vogelgezwitscher zu hören. Große alte Bäume, Friedhöfe, Kleingartenanlagen, ein paar alte Menschen zuckelten mit Rollator zu einem schrumpeligen Edeka, sonst nichts. Zu abwegig für mich. Auf der Suche nach einer anderen Adresse verfuhr ich mich grandios, Schildow? Blankenfelde? Glienicke? Eine Kopfsteinplasterstraße führte mitten zwischen Wiesen mit Kühen! durch. Das ist alles Berlin? Toll! Stunden später fand ich endlich den Weg zu meinem Schrebergarten. Als ich parkte, zischte aus dem Kühler eine riesige Dampfwolke. Kaputt, dabei hatte ich grad zwei Wochen vorher fast 500 Euro in mein uraltes Autochen gesteckt. Inzwischen hatte ich die Gartebegehung verpasst. Das ist eine Prüfung, ob man die gestrengen Auflagen zur kleingärtnerischen Nutzung erfüllt, was ich selbstverständlich tu, weil die Gartenprüferinnen auch schon Öko sind und meinen Urwald aus Kräutern, Blumen, meterhohem wildem Fenchel, blühenden Möhren und wucherndem Rukola als essbares Biotop anerkennen. Für mein Versäumnis hatten allle Vorstandsvorsitzenden größtes Verständnis und Mehmet, mein Hauptwegewart, rief sofort einen Kumpel an, der am Monat meinen Kühler inspizieren und gleich auf der Staße reparieren könnte. So sind wir Gartenfreunde! Wieder toll. Am Sonntag kutschierte mich Freundin I. zu einer weiteren Wohnungsadresse in Niederschönhausen, ziemlich hübsche Wohngegend am Stadtrand, der nächste und einzige Späti gerade noch so in Laufnähe, sonst nix was an urbanes Leben erinnern könnte. Zu idyllisch für mich. Zuhause in meiner gefährdeten Wohnung, in der ich seit 16 )ahren lebe, wühlte ich mich stundelang durch Tonnen alter Papiere, bis ich meinen Mietvertrag und Versicherungszettel fand, nebenher die Unterlagen für die Steuererklärung auf einen Haufen sortieren und schon mal mit dem wegschmeißen anfangen konnte. Montag früh rief mich ein anderer Makler an und vermittelte mir einen Anwalt, bei dem ich Stunden später einen Termin bekam. Deal gemacht, Vollmacht erteilt, viel Hoffnung auf Erfolg machte er mir aber nicht. Kurz einen Artikel geschrieben im Büro, danach zur Miterberatung in der „Kiezkantine“, wo man aber noch bevor man sein Anliegen sagen darf, erst mal Mitglied im Miterverein werden muss, was mit vorhandener Rechtsschutzversicherung mindestens 86 Euro kostet. Eine andere unter der Terrorgentrifizierung leidende Mieterin raunte mir zu, dass es eine kostenlose Beratung gäbe bei der Kleiderkammer in der Dunckerstraße. Zurück aufs Farrad, dabei kam ich kurz mit zwei Jungs vor der Kiezkantine ins Gespräch, die sich als Anwälte entpuppten. Der eine gab mir seine Visitenkarte und sagte ich soll mal auf die Vollmacht meiner Kündiger gucken, dann erbarmte er sich doch und schaute mit mir drauf, ob die überhaupt rechtmäßig sei. Ist sie. Die Kleiderkammer hatte schon geschlossen, aber morgen Abend hat sie Sprechstunde. Sie suchen Männerklamotten, da bring ich gleich ein paar der guten Hemden meines Vaters mit, die ich nicht wegschmeißen wollte, als er starb, aber mir doch ziemlich viel zu groß sind. Katastrophen machen auch ungeheuer kommunikativ.

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