Verlaufen ist der neue Trend.

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Heute mal ein Artikel von mir zum Stadterkunden aus der Printzeitung…Und der ging so:.

Gehen Sie zur nächsten Bushaltestelle. Nehmen Sie den ersten Bus Richtung Innenstadt. Steigen Sie an der zwölften Haltestelle aus. Nehmen Sie die erste Straße links. Sobald Ihnen ein Mann mit Brille entgegenkommt, machen Sie kehrt und biegen wieder in die nächste Straße links ein.
So lautet eine Anweisung, um eine Stadt jenseits der touristischen Trampelpfade zu entdecken (gefunden auf Spiegel online). Sich zu verlaufen, ist dabei nicht Pech sondern Absicht. Die Idee kommt von Ellen Keith aus San Francisco. Sie hat eine Flaneur Society gegründet und einen Ratgeber geschrieben zum Sich-in-der-Stadt-Verlieren – „The Guide to Getting Lost“. Denn laut Ober-Stadtschlenderer Walter Benjamin braucht der Mensch unserer durchgetakteten Zeit dazu Anleitungen. Erst recht, seit wir alle die Straßen und Schluchten nur noch als Leitlinien auf dem Smartphone sehen. Und durch diesen Filter blind sind für „Das Abenteuer gleich um die Ecke“, wie ein „Kleines Handbuch der Überlebenskunst“ von Pascal Bruckner und Alain Finkielkraut 1981 hieß.
Durch die Allgegenwart unserer totalen Verortung, durch das Global Positioning System (GPS), das uns überall Orientierung ermöglicht und nebenbei auch uns selbst überall lokalisierbar macht, ist uns die altmodische Kulturtechnik des Stadtplanlesens schon fast abhanden gekommen. Verloren ist die Kommunikationschance, einfach mal einen Passanten nach dem Weg zu fragen. Wir starren auf das Display unseres allwissenden Telefons statt auf das, was uns umgibt. Wir erleben die Städte nicht mehr als unbekanntes Terrain mit all seinen Überraschungen und menschlichen Schäbigkeiten – wir sind der zuckelnde rote Punkt in einem kartographischen Raster. Die Welt ist eine Google.
Gegen diese selbsterwählte Entmündigung und Blickverarmung gibt es nun einen spielerischen neuen Trend: Internetseiten und mobile Apps, die „Detour“, „Derive“ (Umweg, Abweichung) heißen, kann man sich zu unerwarteten Gegenden führen lassen. Noch konsequenter geht die Abirrung vom direkten Weg analog.
Der altmodische Flaneur ist jemand, der planlos durch die anonymen Massen der Großstädte umherschweift. Flanieren ist das Gegenteil von Arbeiten. Der „Mann in der Menge“, so Edgar Allen Poe, will keine Spuren hinterlassen, nichts verändern. Der Sinn liegt in der Nichtverwertung seiner Eindrücke. Der Luxus des gemächlichen Herumstreifens lässt ihn manchmal ein bisschen blasiert wirken. Er ist auf eine Art überheblich, weil ihm die Wirklichkeit der Stadt privater Echoraum seiner ebenso ziellosen Reflexionen und Besinnlichkeiten ist. Seine Aufmerksamkeit für das Nebensächliche und Unbedeutende ist durch seine Absichtslosigkeit geschärft. Weil der Flaneur nichts „erreichen“ will, ist er frei zur Hingabe an den Zufall des Augenblicks.
Ob das auch zu Hause funktioniert? Wer spaziert schon ziellos durch seine eigene Stadt und kommt an Ecken, wo er nichts verloren hat? Wir hasten von A nach B – was aber, wenn es kein B gibt, fragt Ellen Keith. Die Sonne lacht, ich mache mich auf zum Selbstversuch. Die zwölfte Haltestelle meines Busses ist Beusselstraße. Große Betriebsamkeit auf dem breiten Bürgersteig, hohe internationale Durchmischung. Aber wer hier einen Rucksack trägt, ist kein Tourist. Er hat sein spärliches Hab und Gut darin und meist eine schäbige Plastiktüte für Leergut dabei. Coole Shisha Lounges, verratzte Dönerbuden, die Abu Leila Konditorei und eine Taxi Soför Schule. Doppelfunktionale Läden für Goldankauf und Batteriewechsel, Friseursalon und globalen Geldversand, Spätkauf und Internet-Café, Wettbüro und Secondhand-Handygeschäft. Auch viele trübe, mit Plakaten beklebte Schaufensterscheiben, hinter denen leerstehende Läden verstauben. Samenhandlung und Heißmangel geschlossen. Umbruchzone, angehaltener Wandel. Ein Altersheim, darunter eine Schnitzelkneipe mit Stühlen, Tischen und Topfpflanzen auf der Straße.
Zahllose Impressionen überdecken das Nichts, das der Flaneur in sich und um sich herum spürt, schrieb Siegfried Kracauer. Bei der Tankstelle gehe ich nach links. Spielcasino und Sexkino, Kaffee 1,50 Euro. Ab hier schaue ich den mir entgegenkommenden Leuten ins Gesicht. Niemand hat eine Brille auf. An der Ecke Rostocker schläft ein Mann auf einer Parkbank, mit Sonnenbrille. Gilt das schon? Unschlüssig bleibe ich stehen. Da kommen gleich mehrere Leute nacheinander mit Brille aus einem Eckhaus und zünden sich Kippen an. Hier müsste ich kehrt machen und wieder nach links. Aber ich bin angekommen. Einer fragt, ob er mir helfen kann. Wir stehen vor dem „Warmen Otto“. Das ist die Stadtmission für Obdachlose. Der hilfsbereite Brillenträger ist nach acht Jahren auf der Straße, Wiedereingliederung, Job, Wohnung nun wieder vom Absturz bedroht. Bösartige Frau, verwahrlostes Kind, Missbrauchsanklage, Jobverlust – die Litanei eines verkorksten Lebens. Drinnen gibt es Suppe, Kaffee und eine ganze Bibliothek des Scheiterns. Auf dem Pflaster davor hockt ein feengleiches Geschöpf mit zwei dürren Punker-Jungs. Sich verlieren ist der Anfang von sich verlieben. Ich biege in die Rostocker Straße nach links ein.

Neue Spielanleitung: Nehmen Sie die erstbeste Straßenbahn, egal in welche Richtung. Steigen Sie an der 7. Haltestelle aus, gehen Sie die zweite Straße links. Sobald Ihnen eine Frau mit Hund begegnet, machen Sie kehrt und gehen in der nächste Kneipe was trinken.

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2 Antworten zu Verlaufen ist der neue Trend.

  1. Daniela schreibt:

    Sich die Gelegenheit zu erlauben, sich zu verlaufen, zeugt von Freizeit, von Freizeit, gewissermaßen von dem Luxus, sich nicht auf den optimalen Wegen durch die Stadt bewegen zu müssen. Solch ein Luxus kann provokant und blasiert wirken (vgl. Poe), ist jedoch auch ein wichtiger Teil des menschlichen Lebens. Muss alles in einen großen Plan passen?

    Gefällt 1 Person

    • docvogel schreibt:

      liebe Daniela, genau, darum gehts ja, dass man aus dem affenrad der totalen funktionalität, verwertbarkeit und eingetaktetheit rausgeht, mal einfach 15 minuten auf einem bänkchen sitzen bleibt und dem rauschen um eien zuhört. und leute anguckt, ihnen,viellicht sogar mal zulächelt, da passieren die irrsten sachen… herzl, sabine

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