Spur der Steine

Mondsteine

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Man muss seine Schwächen zeigen, sagt der Botschafter Gunnar Snorri Gunnarson munter und schwingt sich mit einem berühmten isländischen Pianisten, dessen Namen ich mir leider nicht merken konnte, zu einem vierhändigen Tastengewitter an den Flügel. Das Stück ist so schräg, dass eventuelle Verspieler Seiner Exzellenz gar nicht groß auffallen würden. Doch um schöne Musik ging’s auch gar nicht direkt beim Empfang in der isländischen Botschafter-Residenz im Grunewald. Eher um tödlich ansteckende Seuchen, Naturkatastrophen, politische Umwälzungen, Homosexualität, Vampire und einen hungrigen 16-Jährigen, der sich im Krisenjahr 1918 prostituiert, um die Eintrisskarten für sein geliebtes Stummfilmkino zahlen zu können. 1918 wütete in Island wie an vielen anderen Orten in Europa die Spanische Grippe, der Vulkan Katla brach verheerend aus und Island wurde unabhängig. Nicht besonders konversationskompatible Themen, entschuldigt sich der Schriftsteller Sjón, die er da in seinem neuen Roman verhandelt. Sobald wir an der gedeckten Tafel im schicken Kubus aus Glas und Schiefer am Halensee-Ufer Platz genommen haben, üben wir erst mal alle im Chor das isländische Wort für Mondstein – Máni Steinn. So heißt „Der Junge, den es nicht gab“ im Roman. Noch vor dem ersten Skøl sind wir in illuminierten Debatten über die Seele von Steinen, die Dauer der Ewigkeit, Francis Ponge und Petrus und die mythische Zeit des Wortes „steinalt“ verstrickt. Sigurjón Birgir Sigurðsson, wie Sjón bürgerlich heißt, dichtet nämlich nicht nur für Björk Lieder und für Lars von Triers Film „Dancer in the Dark“ Oscar-nominierte Liedtexte, er schreibt auch gerade an einem Opernlibretto über einen Steinesammler, der verrückt wird. Den Komponisten Ondrej Adámek für „Die sieben Steine des Turms von Babel“ lernte Sjón 2010 während seines Aufenthalts als Gast des DAAD in Berlin kennen. Der 1979 geborene Tscheche wohnte in der Stipendiatenwohnung über ihm und machte seltsame Geräusche mit Staubsauger-betriebenen Ballons und Tröten. Gegenüber von uns am Tisch erzählt die Autorin Audur Jónsdóttir beim Spargelrisotto davon, dass ihr Großvater, der Nobelpreisträger Halldór Laxness, auch Steine gesammelt habe. Sjón erzählt, er habe als kleiner Junge Geld gesammelt für einen zerfledderten ausgestopften Riesenalk. Der Ork ist schon lange ausgestorben. Heute droht der Klimawandel, sagt Snon, den Golfstom auszubremsen, der für Islands thermisches Überleben so unabdingbar ist wie die Elfen für die bubbelnden Bewusstseinsströme der Isländer und wie für unsere der Björk-Birkenschnaps, den der Botschafter aus dem Hut zaubert.

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