Beten und Singen in Wat Singh

Das Gold ist echt, aber der Mönch ist aus Fiberglas.

Das Gold ist echt, aber der Mönch ist aus Fiberglas.

Je mehr man im urbanen Raum ist und je mehr Busse und Bahnhöfe es gibt, deste wackliger ist das Netz. Deshalb mal wieder eine Pauschalentschuldigung für die vielen unkorrigierten Tippfehler. In Chiang Mai nimmt man sich am besten nichts vor. Das ist der Luxus des Individualtourismus. Morgen erst hab ich einen Termin im nächsten Demenzheim eines Schweizers, er ist der Pionier, fing an, als er seine demente Mutter hierherholte. Sein Dorf liegt etwas ausserhalb, ich soll ein Taxi nehmen und dann anrufen, so dass er dem Fahrer den offenbar etwas umständlich zu findenden Weg erklären kann. Taxi? Tuktuk? Zuerst brauch ich meine VitaminB-Coffeeindröhnung. Im Kiosk nebenan versucht eine junge Frau Passanten einen Fahrt mit ihrem Tuktuk anzudrehen. Die erste Tuktukfahrerin! Und sie kennt das Dorf, sagt sie, wo ich hin soll und schon haben wir eine Verabredung. Damit ist der Tag frei zum Herumstreunen. Die gestern suf dem Nachtmarkt getrunkenen frischgepressten Säfte jener stachelig orangenen Früchte, die mich gesund und schöne machen sollten, haben nicht gewirkt. Als ich ein Hemd anprobiere, das mir überhaupt nicht steht, kaufe ich es aus purer Scham darüber, was ich im Spiegel sehe. Der Hautbalsam aus den edlen Kräuterkosmetikshops gibt mir den Rest. Niedere Eitelkeit, blöde Kratzerei. Geh ich doch lieber in die vielen wunderbaren Tempel, wo die Mönchlein heute zu allen Stunden beten und singen. Hut ab und Knie eingefaltet wummert das Rampampam ihres Sermons so lange gegen die Hirnschale, bis eine Stille entsteht, in der alles Motorengeräusch und Leutegeschrei der Umgebung wie in einer Glaskugel herumechot. Tempelanlagen sind öffentliche Räume, sie stehen jedem offen, ein Minimum an dezentem Verhalten wird vorausgesetzt. Das Mitbringen von Coffee-to-go ist nicht direkt gergelt. Die Mönche, die stellvertretend für die Gläubigen die Rituale der Entbehrung vollziehen, leben von Spenden. Davon werden die prächtigen Anlagen instandgesetzt, manchmal gibt es Massageschulen mit Serviceangeboten anbei und blitzsaubere Klos gibt es auch für alle Bedürftigen dort, was ja für Reisende und 7/11-Kaffeetrinker nicht ganz unwichtig ist. Wenn da nicht wieder diese Spiegel wären. Von Höllenqualen ganz anderer Dimensionen erzählen die Wandgemälde – da spucken die Vulkane Feuer, das Meer gebiert Ungeheuer, die Geier warten ungeduldig. Die nackten Sünder werden gefesselt, geköpft, gepfählt, stranguliert, erwürgt, zersägt, aufgespießt, aufgeschlitzt, ausgeweidet, heißes Öl wird ihnen eingeflößt, Macheten, Säbel, Äxte, Speere, Monster zu Wasser und zu Luft, naiv anschaulich und unverblümt brutal gehts da zu, das jüngste Gericht wie in unserem Mittelalter, wieso wird eigentlich so oft behauptet, der Buddhismus sei friedfertig?

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