Davongekommen

gedächtnisrave im dorf für einen, der im jahr zuvor auf ser straße starb

von der familie organisierter gedächtnisrave im dorf für einen, der sylvester das jahr zuvor auf der straße hier starb

totentanz

totentanz

Khong Kaen oder Korat, weiß nicht mal, wie die Stadt heißt, Überlandbusse von Bangkok nach Rachasima, wo auch immer das sein mag, von Ubon und Pattaya kreuzen hier, ich werde in vier Stunden einen overnight Air1 nach Chiang Mai nehmen, wo ich morgen früh hoffentlich ankomme. Es ist laut und stinkt nach Diesel, es gibt die üblichen Lädchen und Buden für gebratenen Reis und Nudelsuppen, von denen ich gleich mal eine esse, um mich wieder zu erden. Ich bin heilfroh, hier herumzuhängen und auf meinen Busanschluss zu warten. Als wär ich gerade noch mal davongekommen. Dabei hat mich niemand daran gehindert, dort weg zu fahren. Obwohl es schon was zu organisieren war. Hier muss mal ein update her. Ich war in einer Seniorenresidenz für deutschsprachige Rentner in einem abgeschiedenen Dorf im Isaan, das ist Ostthailand.  Nach Phuttaisong zum Markt und regionalem Busanschluss sind es knapp 20 km, der 82 jährige Langzeitmieter fährt da noch selber mit dem Moped hin. Wer hier strandet, der will bleiben. Für länger, für immer vielleicht. Aber bis auf den selbstgenügsamen Jogi, der jetzt über ein Jahr dort lebt, sind die meisten, die noch Herr all ihrer Sinne, Beine und Geldbeutel waren, wieder weg. Manche haben nach ein paar Monaten das Weite gesucht, anderen, die offenbar die Friedhofs-Harmonie gestört haben, wurden gekündigt. Geblieben sind vier Damen, über 80, drei davon pflegebedürftig und eher mehr als weniger dement. Es geht ihnen gut. Die drei „Fälle“ haben rund um die Uhr eine junge Frau um sich, die kein deutsch kann. Das hilft, sagt der Residenzbesitzer. Wem? Den Pflegerinnen, weil die das nervige Genörgel der Alten nicht verstehen, oder den Betreuten, weil Ihnen gleichbleibend mit einem freundlich ignoranten Jaja geantwortet wird? Die Idee ist erst mal frappant: Alt werden, wo es warm und kostengünstig ist. Bungalow, das heißt hier drei schön möblierte Zimmer mit Terrasse zum See und Vollpension für rund 900 Euro, zuzüglich Strom,Wasser, Wäscherei, sowie der Rotwein zum Abendessen und der extra Kaffee. Dasselbe nochmal für die Rundumbetreuung durch drei sich schichtweise abwechselnde Frauen, von denen eine bei Bedarf auch über Nacht bleibt. Grob gerechnet 2000 € alles zusammen und Oma ist bestens aufgehoben. Oma steht hier wahlweise für Angehörige, Rentnerin, potentielle Kunden, gar mich selbst? Eine deutsche Fernsehdoku über eine der ersten Mieterinnen hieß „Oma will nach Thailand“. Die Protagonistin ging im Streit. Doch zurück zum bezahlbaren Rentner-Paradies-Modell. Für den Beitrag bekommt man in Deutschland keinen Heimplatz, selbst wenn man die Zuzahlung der Krankenkasse für Pflegestufe Drei mit einrechnen würde. Die Vorstelllung von drei Pflegenden pro Pflegebedürftige ist bei unseren Löhnen – und die russendeutsche.Pflegehilfskraft im Altersheim meiner Mutter verdient schon unterirdisch schlecht – sowieso völlig illusorisch. Abgesehen davon, dass unser Altersentsorgungssystem so grauenhaft ist, dass man sich, solange man noch wünschen kann, den schnellen Tod vor dem Dahinsiechen im Heim wünscht, stimmt aber auch im scheinbaren Spar-Idyll etwas ganz und gar nicht. Was aber ist hier faul? Es ist nicht das abstrakte, postkoloniale Lohngefälle-Ausnutzungsschema, das stört. Die hier arbeitenden Frauen verdienen verhältnismäßig gut und wirken fröhlich und sehr entspannt. Respekt für Alte, Freundlichkeit und gelassene Heiterkeit ist Kulturtradition, und dass die Fernsehsoapies auf Thai sind und die Lieder hier im Isaan auf laotisch gesungen werden, dürfte die Alzheimerpatientin auch nicht mehr allzu sehr irritieren. Oder doch? Was macht Entfremdung von Heimat, von Klängen, Geschmäckern, Gerüchen, der Mangel von Winter, von Weihnachten, von Jahreszeiten mit einem aus allem Gewohnten herausgerissenen und eh schon durch den eigenen Orientierungsverlust verunsicherten Menschen? Klar ist das milde Klima gut für die Knochen, die gichtigen Knöchel und eingerosteten Gelenke. Das frisch zubereitete, leichte Thaiessen, mit gelegentlichen Nabelschnur-Referenzen an Bratwurst und Kartoffelrösti, ist viel gesünder und nicht mit unserem heimischen Krankenhaus-Kantinenfrass vergleichbar. Und diese immer gleichbleibend freundlichen Fremden, die man eh nicht versteht, sie sind vielleicht weniger Bedrohung als diese Leute, die einem sagen, dass man sich anziehen soll oder gar behaupten, sie seien Töchter oder Enkel, die man doch erkennen müsse. Tatsächlich, so der europäische Residenzbesitzer,  können die meisten Psychopharmaka hier abgesetzt werden. Ruhigstellen? Warum denn, in dieser harmonischen Umgebung werden sie alle von selber ruhig, und wenn doch mal die Gespenster der Vergangenheit nächtliche Besuche abstatten, gibt es auch hier Ärzte und Apotheken und Medikamente, sogar solche, die besser wirken. In Westeuropa nicht zugelassen? Na und? Wer seine Angehörige hier unterbringt, muss den Betreibern hier bedingungslos vertrauen – oder tschüss. Sagt der plötzlich etwas ruppig wirkende Besitzer. Sie  leben mit den Alten,  die Idee einer Wohngemeinschaft wird jeden Tag bei den gemeinsamen Mahlzeiten zelebriert. Und hat sich damit? Wer hier herkommt, will seine Ruhe. Und ist zumeist asienbewandert, ist herumgereist, lebt allein, ist individualistisch, aber halt nicht so sehr, dass er durch individualistische Zickigkeoten das fragile Gefüge der Gemeinschaft aus dem Geichgewicht bringen würde. „Wir lieben sie!“, betont die thailändische Ehepartnerin, die hier im Dorf aufgewachsen ist, etwas übereifrig. (…) In der Schweiz hat die patente Energiefrau jahrelang als Laboranalystin in der Pathologie gearbeitet. Sie kann jeden Tumor im toten Gewebe bestimmen.  Außerdem ist sie diplomierte Dolmetscherin, Sportlehrerin, Import-Exportkauffrau usw, Krankenachwester ist sie nicht. Aber vielleicht ist es eh ein Fehler unseres Systems, Demenz als Krankheit zu betrachten? Und wenn einer doch mal verrückt spielt? Muster in die Vorhänge schneidet, das Bett vollscheißt, die Wände damit bemalt, nachts nackt herumgeistert, obszön oder ausfällig oder (auto)agressiv wird? Kommt das auf die Rechnung? Wird ihm gekündigt? Weil er die harmonische Gemeinschaftsatmospähre stört? Was, wenn die Gestaposchergen anklopfen, der Stasihund kläfft,  eine Schuldschein unwiderbringlich verloren ist oder die Aufnahmeprüfung zu den Pimpfen nicht mehr zu nachzholen ist? ist die Küchenkatze hier wie dort die einzige Ansprechpartnerin für traumatische Erinnerungen? Und warum fragen plötzlich mehrere Bewohnerinnen, ob sie umgebracht wurde?

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