Memory revisited

Mekongwasserfall an der Grenze von Laos zu Kambodscha

Mekongwasserfall an der Grenze von Laos zu Kambodscha

Joe Cocker! Bei den neu angekommenen Berlinern in den Bungalows ohne „Bad“ hat bestimmt niemand mehr was von ihm auf dem smartphone. Wie alt ich bin. Und wie wenig das ausmacht. In den Predigten zum Jahresende wird in Deutschland auch gerne kritisch den Auswüchsen des  Erinnerungszirkus des Gedenkjahres 2014 gedacht. Staatlich inszenierte Erinnerungsevents dienten dazu, die (bessere) Gegenwart zu feiern. Was ist daran verlehrt? In Kambodscha täten etwas mehr Trauerspektakel vielleicht noch ganz gut zur Überwindung des Gestern. Stunden, sind es schon Tage, kann ich dem Mekong beim Strömen zuschauen. Man steigt (oder guckt) nie in denselben Fluss, heißt es ja. Aber ist das ständig Fliessende, die unentwegte Passage, nicht auch ein Zeichen des ewig Gleichen? Nicht dass das hier die stille Beschaulichkeit wär, der Fluss ist eine vielbetuckerte Straße, Kutter bringen Sand, Banandenstauden, Touristen, die Fotos von uns in unseren idyllischen Bambushütten knipsen. Ein Adler kreist, zwei Wasserbüffel schwimmen zu einer Sandbank. Mit Mr. Bounhom und seinem einbaumartigen Motorbötchen fuhr ich letztes Jahr zum großen Wasserfall. Dort kassieren laotische Staatsdiener Eintritt von Ausländern,  150000Kip, etwa 15 Euro – wenigstens ist der Dollar als Hauptwährung in der Volksrepublik Laos nicht üblich. Der Wasserfall sieht bestimmt noch genauso aus. Er hat schon die Franzosen 1863 unter Napolen III. bei ihrem sinnlosen Eroberungsfeldzug ausgebremst. Der einzige Grund für die militärische Exkursion war den Machtkampf mit den Engländern, die sich schon Burma gegriffen hatten. Dafür haben die Franzosen eine Eisenbahn von etwa sechs km Länge gebaut, die zwei Inseln verband, um ihre Schiffe in Einzelteile zerlegt um die Fälle herum zu transportieren. Die Lokomotive rostet in einem Pavillon mit wettergegerbten Schautafeln drumherum, die Schienen haben sich in Baumaterial verwandelt, die Brücke gibt es noch, für Touristen kostet das Rüberlaufen Maut. Die Spaziergänge um und quer über die Insel beeindrucken mich genug. Grasende Kühe und Kälber in den Reisstoppelfeldern, Popmusik beim abgeratzten buddhistischen Tempel. Selbst die zwei Inselfreaks grüßen mich schon von weitem mit dem einheimischen Sabadii. Jean Claude, ein drahtiger 53 Jähriger, hat mich gleich bei der Ankunft ausgecheckt, er ist seit zwei Monaten hier, versucht sich als Handwerker nützlich zu machen, heut hat er die Glühbirnengirlande repariert, hockt bei der Herbergsfamilie herum, die auch das stoisch lächelnd erträgt, er hat grottige Tattoos und trinkt Dosenbier. Sein Vater, erzählt er, war Bauer, er hat sich fünf Jahre in Kanada darin versucht, jetzt ist er zufrieden als gerade mal gestrandeter Heimatloser. Im richtigen Leben ist er: Karussellbremser!

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