Das Chips- und Schnulzenwunder

Nachts  in Kratie

Nachts in Kratie

Fast den ganzen gestrigen Tag saß ich im Bus von Pnom Penh nach Kratie, sollt eigentlich nur vier einhalb Stunden gehn, dauert aber dann knapp neun. Viele Einheimische stiegen aus und ein, mit Säcken und schweren Gepäckbündeln, einmal wurden auch irgendwo abseits der Strecke tonnenweise BBlumen eingeladen. Zumächst saß eine junge Frau mit ihrem unteren Baby neben mir.  Als der kleine Tyrann zu schreien begann, stopfte sie ihm mit zunehmender Überforderunerst die eine, dann die andere Brust ins quengelnde Mäulchen, versuchte beschämt sein Gebrülle zu übertönen mit Nuckel- und Lullaby-Lauten, kaufte eine Tüte schrecklich ungesunder Chips, und Wunder: das Baby lutschte selig an einem und war schon eingeschlafen. Macht bestimmt lebenslang süchtig. Was die da wohl rein tun? Die völlig erschöpfte Mutti hingegen hielt sich die noch volle Chipstüte vor den Mund und kötzelte still hinein. Auch der kleine Sohn, der auf dem Schoß seines Vaters schlummerte, hielt sich eine Plastiktüte vors Gesicht und spuckte im Halbschlaf ab und zu Reissuppenähnliches Zeugs hinein. Als er fertig  war, begann sein Brüderchen auf dem Schoß der Mutter damit, danach die auch. Der Beifahrer reichte immer mehr neue Plastiktüten herum. Mir gings gut, dabei hatte ich bei einer Rast ein frittiertes Spinnenbein, so ein haariges, mindestens sieben cm langes Teil einer wirklich ekligen Riesentarantula gekostet. Im Bus wird ein chinesischer Klamauk-Haudrauf- Film auf dem Fernseher gezeigt, danach läuft ein Tape mit thailändischen ? Schmachtfetzen- und Schnulzenvideos. Die Sängerinnen tragen Babydoll-artige Minikleidchen, sie haben orangerot gebleichte Haare und fettrosa gespachtelte Lippen. Wieso muss Moderne eigentlich immer erst mal so frauenfeindlich aussehen? Nun gut, die Männer, die untreu sind und es dann bereuen, die geben sich dem bösen Alkohol hin und enden in der Gosse, bis dann doch die Pinkbraut im Neglige wieder auftaucht…Auch keine Perspektive. Als wir endlich in Kratie ankommen, ist es leider zu spät, um noch dorthin zu radeln, wo man die weltsensationell seltenen Irrewady- Delphine sehen könnte. So umkreise ich halt das Zentrum, einen wie immer herrlichen Markt, ein paar Mal.  An der Promenade am Mekong machen Frauen allen Alters zusammen Abendgymnastik zu Musik. Als eine dieser Schnulzen läuft, und der Wind so lau weht, da erwischt es mich wieder. Obwohl ich fest auf dem sonnengewärmten Ufermäuerchen sitze, habe ich das Gefühl, zu schweben.

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