Kakerlaken in Knoblauch

Wers glaubt, wird selig.

Wers glaubt, wird selig. In einem der Märkte von Phnom Penh.

Dank der beiden unerschrockenen Jungs aus Berlin beginnt der Tag mit einem besonders proteinreichen Snack. Die Larven der Seidenwürmer schmecken etwas fischy, Eiweisshammer halt, und sind uns in der Konsistenz etwas zu teigig. Von den etwa zwei bis drei cm großen Kakerlaken puhlen wir die fettglänzenden, schwarzen Rückenschilde ab,  unten haben sie einen Stachel, den brechen wir auch ab, Kopf kann man dran lassen, gibt dem ganzen eine zusätzlich knusprige Bissfestigkeit, das bisschen Hirn ist beim Frittieren eh eingedampft. Zwischen de Kakerlaken in krossen Knoblauchscheibchen – waren gar keine, sondern bloß „Käfer“, berichtigt mich ein beleidigter Expat später – finden sich auch Maulwurfsgrillen, die Phillip aus dem Garten seiner Oma kennt, die schmecken leicht nussig im Abgang, etwas weniger nach, hm, Mottenkugeln? Am Leckersten sind die kleinen, etwas über einen cm großen Grillen, schön kross gebraten in heißem Öl, zart gesalzen mit einem strohigen, fast grasartig würzigen Geschmack. Die schieben wir uns bald wie Erdnussflips häufchenweise in den Mund. Auf dem Markt, der gegen Mittag schon leicht nach geronnenem Blut und faulenden Pflanzenabfällen riecht, gönne ich mir einen grünen Papayasalat, aber ohne die zerstampften Kleinkrebse. Was im Spüleimer herumkeimt, kann mir mittlerweile eigentlich nichts mehr anhaben. Schwieriger zu finden ist selbsthergestellter Sojabohnensmoothie, noch warm aus einem Alutopf abgefüllt. Nach dem Frühstückssnack der Hit ist dann der Eiskaffee im Plastikbeutel, so mit einem Gummiring zugezwirbelt, dass ein Strohhalm dazischen klemmt. Dazu gibt es einen zweiten Beutel mit wässrig gelblicher Flüssigkeit, den ich eigentlich nicht haben will. Es ist der köstlichste grüne Tee auf Eis, den ich je getrunken habe. So gut, dass er eigentlich gar nicht natürlich, nicht echt, sein kann. Und das bringt mich auf die hiesigen Tempel. Die sind so kitschig, dass bei mir keine heilige Ehrfurcht aufkommen will. Die Statue eines besonders angebeteten Buddhas der Weisheit etwa ist aus quietschbunt bemaltem Beton oder Plastik, umkränzt von einem  flackernden Glorienschein aus neonfarbenen Blinklämpchen, wie wir es aus der billigsten Weihnachtsdeko kennen. Oder muss ich das ganz andersherum verstehen? Ist doch völlig egal, aus was diese Heiligenfigur ist, wenn ihre Bedeutung nicht im Materiellen, nicht in ihrer Kunstästhetik liegt, sondern in der ihr zugeordneten, ihr aufgeladenen  Bedeutung? Wenn das Objekt nur eine symbolische Krücke ist, eine Projektionsfläche für den Glauben? Hat so was ähnliches nicht schon Levy-Strauss von irgendwelchen westafrikanischen Stämmen erzählt?  Die haben ihre allerheiligsten Fetische leichten Herzens an die Kultraub-gierigen Franzosen verscherbelt, weil der Fetsich erstens gar nicht mehr wirkt, sobald er aus seinem rituellen Kontext entfernt worden ist, sein Bann eh gebrochen und er nur noch ein nutzloses, schnödes Ding aus wurmstichigem ollen Holz ist, und zweitens man aus jedem ollen Stück Holz ja umgekehrt wieder einen neuen, noch schöneren Fetisch herstellen kann. Die Magie des Fetisches liegt in dem, was der ihn Anbetende in ihn hineinbetet. Wenn der Zauber nicht funktioniert, liegt es an meinem Unglauben? Als ich am Abend in einer Straßenküche eine Nudelsuppe esse, zeigt mir ein neben mir sitzender junger Kambodschaner auf seinem Smartphone Fotos von Kannibalismus, die gerade auf Youtube kursieren. Sieht ziemlich echt aus.

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