Geister jagen

 Opfer der Roten Khmer in S 21

Opfer der Roten Khmer in S 21

Für das richtige Erschauern geht man  ins Genozidmuseum. Toul Sleng war eine Schule, die die Roten Khmer zu ihrem berüchtigtsten Foltergefängnis S 21 umfunktionierten. Bildung war ein Todesurteil, eine Brille allein reichte als Grund zur Ermordung, Schulen wurden abgeschafft, „Diplome“ sollte es nur noch beim Damm- und Kanalbau geben. Von S21 wurden mehr als 17 000 Gefangene zu den killing fields gebracht, nur sieben sollen überlebt haben (inzwischen geht man von etwa 170 aus). In den zu Zellen umfunktionierten Klassenzimmern. stehen noch vereinzelt Bettroste, eiserne Fußfesseln, und überall, in den verschrammten Betontreppenaufgängen, an den zerkratzen ockerfarbenen Wänden und bis zu den hohen Decken hinauf sind noch braune Blutflecken zu sehen. Alle Opfer wurden fotografiert. Mit Nummern um den Hals, in den schwarzen Pyjamas, der Einheitsuniform der RK, die Frauen und Mädchen mit fast alle dem gleichen ohrlangen Haarschnitt. Frontal sehen sie in die Kamera ihrer Mörder. So jung die meisten. Stellwände über Stellwände eine Galerie der Toten, auch als erschlagene Leichen noch abgelichtet. Hefte mit laminierten, schon zerschlissenen Seiten protokollierten unter Folter erzwungene Aussagen, karge Berichte von kurzen Leben und unverstehbarem Leiden und Sterben. Ein Raum mit Schädeln hinter Glas, in dem sich Gemälde in naiv realistischem Splatterstil spiegeln, auf denen bunt und anschaulich das Abschneiden der Brustwarzen, das Applizieren von Skorpionen und weitere barbarische Gewaltanwendungen dargestellt sind. Der Maler Vann Nath war selbst Insasse in S 21 und überlebte nur, weil seine künstlerische Fähigkeit den KR für Personenkult und Propaganda nützlich war. Ein zeitgenössischer Fotograf, Jansen oder Jensen, macht Kunst aus den in ihrer schäbigen Nüchternheit so hatten Porträts – da ist sie wieder, die Banalät des Bösen -indem er die Reflektionen auf den Gesichtern einfängt. Er will die damit Geister der Toten beschwören, die, wenn überhaupt, in Massengräbern verscharrt, jedenfalls keine dem buddhistischem – oder sonst irgendeinem – Glauben entsprechende Beerdigung erhielten. Guter Trick, ist nicht jeder Spiegel ein Fenster ins Jenseits? Versuch ich auch gleich mal. Im Hof sitzen zwei der Überlebenden, weißhaarige, verhutzelte Männlein, hinter klapprigen Holzschreibtischen und bieten ihre broschiertem Erinnerungen für 10 $ feil. Im Museumsshop gibts auch Ray Bans und T-Shirts. Ich glaub, ich kann keine T-Shirts mehr ertragen. Draußen, hinter dem historischen Stacheldrahtverhau auf der Ummauerung, reihen sich Lädchen mit exquisit überteuertem Ho-Ho-Holzspielzeug von Behinderten und Benachteiligten. Gestrickte Nikoläuse! Heilige Scheiße, die Kunsthandwerkerin hat keine Hände.

Jeder Spiegel ist ein Fenster ins Jenseits

Jeder Spiegel ist ein Fenster ins Jenseits

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