Killing caves

da hab ich gestern abend gegessen, ecke, obergeschoss

da hab ich gestern abend gegessen, ecke, obergeschoss

Phiphapho. Freundin I., große Rechtschreibvirtuosin, sieht ein Indiz für meine zunehmende linguistische Akklimatisation darin, dass ich gestern Pha statt Pah geschrieben habe. Zur Beruhigung von Freundin A., grosse Psychoexpertin, teile ich mit, dass meine Innerei wieder tiptop ist und so eine kleine Entschlackungskur zur Initiation jeder Art von Akklimatisation  gehört, andere Leute zahlen dafür Geld! „Mach dich leer“, rät Freundin R., große Spielerin, gerne beim Risiko-Würfeln. Also, bloß kein Erlebnisstress. Denk ich mir heut früh, freu mich über den verhangenen Himmel, hoffe ein wenig auf Nieselregen, sodass ich mit gutem Gewissen nur auf der royalen Dachterrasse abhängen kann. Mach halbherzig ein bisschen Gymnastik (habe Rücken), steh auf dem Kopf und leg mich dann erstmal wieder hin, „toter Mann“ markieren, wie das im Yoga heisst. Nachdem der Entschluss gereift ist, heut mal gar nichts zu unternehmen, rekel ich mich auf. Minutenlang steh ich einfach auf der Straßenkreuzung  und geniesse, wie der irre Verkehr mich umtost. Das ist eigentlich genug Glücksgefühl für einen Tag.

killing caves der roten khmer in Phnom Sampeau

killing caves der roten khmer in Phnom Sampeau

Nach einem Fläschchen grüner Aloe- Limo aus Korea zum späten Frühstück -ist hier starbuckfreies Land – gebe ich meine Jeans zum Saumkürzen in einer Schneiderei ab, in der lauter  geistig Behinderte (sagt man das noch so?) an zehn Nähmaschinen sitzen und mich kichernd mustern wie eine – ja, Vogelscheuche? Niemand spicht ein Wort englisch, mit Wandkalender und Uhr verständigen wir uns auf eine Abholzeit am Abend. Laufen kommt mir irgendwie anstrengend vor und da es gerade um die Ecke ist, leih ich mir wieder ein Fahrrad. Und rolle wie ferngesteuert gemächlich stadtauswärts. Die Straße ist nicht schön,  Hauptverkehrsader, Überlandverkehr, eigentlich will ich umkehren. Den Stadtrand säumen wie scheinbar überall Möbelgeschäfte, Hallen mit meterhohen Buddhafiguren, Elefanten, abstrakten Kunstskulpturen und Konferenztischen aus rotem Tropenholz. Dann Reisfelder, vereinzelt Häuser und Buden mit einer Kühltruhe, Zuckerrrohrsaftpresse und Snacks. Und flugs ist am flachen Horizont der Tempelberg in Sicht, den ich eigentlich heute nicht ansteuern wollte. 13 km, lachhaft. Die Attraktion dort ist nicht der Tempel, und auch weniger die Million Fledermäuse, die bei Dämmerung aus einer Höhle ausschwärmen, sondern die „killing caves“ – da haben die Roten Khmer gefoltert und die Leichen hineingeschmissen. Ein Viertel der Bevölkerung, 1, 7 bis 3 Millionen, genau gezählt wurde nicht, kamen bei den „Säuberungen“ der Roten Khmer zwischen 1975 und 1979 um. Drei überfahrene Schlangen sehe ich auf der Straße, und bei den Polizisten an einer Kontrollsperre für teure Personenwagen fällt mir ein, dass hier in der Gegend nicht alle über Fünfzigjährigen Überlebende des Terrors sein müssen, es könnten ebensogut Täter darunter sein.  Bis 1997 haben die Schlächter von Pol Pot die Stellung genau hier gehalten. Aber so gruselig, wie auf der Fahrt dorthin vorgestellt, ist die Höhle dann doch nicht. Neben einem liegenden Buddha steht ein verglaster Schrein voller Knochen und Schädel, ein paar mehr rotten in einem straubigen Maschendrahtkorb vor sich hin. Die Vorstellung oder Vorfreude ist eben immer das Größere. Der Platz, auf dem die Interrogationen und Foltern stattfanden, trägt keine sichtbaren Spuren. Ausgeschildert ist er natürlich auch nicht, und die in jeder Verschnaufkurve der „1000“ steilen Treppen (killing stairs, glaub niemals einem, der dir eine Fahrt auf seinem Moped verkaufen will), die wie Mautstationen herumhockenden Mönchlein, die einem ein unmissverständliches „money“ entgegen husten, die möcht man nun auch nicht gerade fragen nach dem Weg zum ihrer spektakulären Horror picture show. Dass die chilling fields des Horrortourismus ausbleiben, liegt wahrscheinlich auch an den jungen Haien in Gestalt dreier Buben, die mir um die Beine herumschlawienern und – wherdoyoucomefrom – sagen, was ich seh. Muss hier jetzt abbrechen, hab ein Dinnerdate, davon später…

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