der weg ist der weg

imageVon wegen hier gibts nicht viel zu gucken. Grad hats auf der Straße vor dem Markt gekracht, ein Moped lag flach, niemand verletzt aber im Nu entbrannte ein Gerangel und Geschrei und Verkwhrsknäuel und schon eine Minute später war einer mit Trillerpfeife zur Stelle und regelte die Fahrzeugströme weiter. Fahrradfahren macht hier auch deshalb so viel Spaß, weil man ständig die Todesangst besiegen muss und deshalb einen Adrenalinkick nach dem anderen erlebt. Man darf einfach nicht anhalten oder nach hinten gucken, wer Rücksicht nimmt ist selber schuld, aber vorsichtig snd alle und wenn man sich einfädelt und in dieses irre aber geschmeidige Fließen hineinziehn lässt, passiert einem nix, bisher jedenfalls. Mein Fahrradausleiher heute, ein ergrauter Expat, wollte mir allerdings unbedingt einen dieser schnittigen Helme aufschwatzen…Aber er sagte auch, dass es viel zu weit sei zu einem Tempel zu fahren, den ich dann fast aus Versehn erreicht habe. Eigentlich wollte ich die Mitte der 70er, also mit Beginn des Roten Khmer Regimes aufgegebene Pepsi-Fabrik ansehen, von der noch tausende staubiger Flaschen im Gras und Schutt rumliegen sollen. Die dienen aber  jetzt als Kanister für Mopedbenzin an den winzigen Tankstellenbuden. Die Fabrik sah ich nicht, zwei ebenfalls mit dem Rad herumfahrende junge Touristinnen mit GPS fanden sie zwar auf Googlemaps, aber da waren wir schon längst dran vorbei gefahren. Außerdem gibt es gar nichts mehr zu sehen, weil inzwischen mit japanaischen Investitionen ein Wasserreservoir gebuddelt wird. Eine gemütliche Straße mäandert kilometerweit einem Tonle Sap Zuflüsschen entlang durch Gartendörfer mit kleinen Gemüsebeeten, weißen Kühen, Blumen in Töpfen, wuchernden Palmen voller Bananen und Kokosnüssen, die nur darauf warten, gepflückt zu werden. Wo der Asphalt in Schotter übergeht, steht ein buntbemalter Tempel mit 30m hohem Betonbuddha, dahinter die Ruinen einer Anlage von 1021, die von den Roten Khmer zerstört worden war. Pha, Ruinen, nach Angkor können einem alle weiteren so was am Arsch vorbeigehen. Ein Wächter kassiert Eintritt, von den Mönchsbehausungen dröhnt monsterlaute Popmusik, Hunde dösen auf schattigen Betonbänken, eine Frau rechelt zum Trocknen auf riesigen Planen ausgebreiteten Reis. Bei einer Einfraufabrik auf einem Holzpodest kauf ich eine Tüte frisch geschnitzelte und in Öl gebratene Bananenchips, zurück in der Stadt kehr ich bei den Buden am Flussufer ein und konsumiere meinen geliebten Eiscafe – Eiswürfel, Nescafe, gesüsste Kondensmilch – dazu wird noch rituell eine Kanne frisch gebrühten Tee auf den Tisch gestellt. „Körper, Körper, Körper.“ Eingelullt in Mopedabgase und dem Soundtrack aus betriebsamen Topfklappern, Frauengeschnatter, Kindergeschrei und Fernsehlärm habe ich endlich die Ruhe gefunden, in einem Buch zu lesen. Es ist Tiziano Terzanis letztes über „Leben und Sterben“. Der langjährige Spiegelkorrspondent, er berichtete über 30 Jahre in und aus Asien, lebte in Singapur, Hongkong, Peking, Tokio, Bangkok und Dehli. 2004 starb er 66 jährig an Krebs. „Sich selbst von außen zu betrachten, ist eine Übung, die man lernen kann“, schreibt er im Vorwort dieses weisen Buches, das doch gerade von der Selbstbeobachtung eines Todgeweihten ausgeht. Im Balcony Riverside, einer wunderschönen Openairbar mit gediegenen alten Korbmöbeln, die Aussicht umrahmt von fleischblättrigem Dschungelgrün, trinke ich noch eine Kanne Tee, diesmal für einen Dollar und aus Teebeuteln. Hier verkehrt das Expatpack, ziemlich große, laute, selbstgefällige junge Männer in rustikalen Bermudakakishorts, die auf Touristen wie mich herabsehen, selber aber auch nur über Taxipreise reden. Schade um die schöne Location.

die kundschaft macht mittagspause

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