Das Gesetz der Serie

heiliges oder heilendes wasser

heiliges oder heilendes wasser

Heute habe ich mir ein Farhrrad ausgeliehen. Das war noch toller als mit dem Tuktuk. Mal sehn, was mein Hintern morgen zu den locker 30 km sagt, die ich durch die Tempelanlagen gerödelt bin. Das beste war, dass ich bloß bei einem Tempel gehalten hab. Anfang 10. Jahrhundert gebaut, noch vor Javavar,an II, mit dem Angkor Wat begann, in der Mitte ein gewaltiges Relief von Vishnu mit Säbeln, Speeren und Macheten in seinen vielen Armen, flankiert von zwei göttlichen Frauen, von Reihen gemütlich verrenkter Anbeter umgeben, das Ganze für den „Herrn der drei Welten “ ausnahmsweise als Dreierensemble. Im Besichtigungsprogramm der letzten drei Tage habe ich so viele Weltwundertempelruinen gesehen, dass sie fast zu einer verschmelzen, alle streng zentralistisch und quadratisch aufgebaut, überall Riesenbäume, die ihre Wurzeln wie Drachen um die Steinbrocken winden, kanellierte Tonnendächer mit Regenrinnen, doppelte Ummauerrungsringe, Tore in die vier Himmelsrichtungen mit bös grimassierenden Dämonen und Wächtern bewehrt, die als Balustrade eine dicke Schlange tragen. Was ich zuerst für pfauenfedrig geschmückte Truthahnfüße hielt, sind die sieben Köpfe der Naga. Sie, die Schlange, steht für Regen oder auch für die Verbindung zwischen Diesseits und Jenseits. Das Wasser, das die Tempelanlagen in exakt rechtwinkligen Bassins umgibt, ist mal der Swimmingpool des Königs, ist heilig oder heilt alle Gebrechen. Hinduistisch, buddhistisch, je nachdem, egal. Seerosen, Lotosblüten und vierblättriger Klee wachsen darin. Auch ganze Bäume und der Algenspinat, der abends in meiner Suppe schwimmt. Ein Bauer wäscht hingebungsvoll seine weiße Kuh darin. Der Himmel gibt sich dramatisch, ein Gewitter zieht auf. Ich finde Unterstand bei den Buden, die neben jedem Tempel stehen. Überall gibt es die gleichen Schals, gemusterten Hippiepluderhosen,  T-Shirts, Sonnenhüte, Andenken, Nippes. Niemand scheint hier was zu kaufen. Manchmal sind Kunsthandwerker bei der Arbeit zu beobachten. Maler malen an exakte Kopien der überall gleichen Bilder, Bildhauer stanzen präzis identische Zeichnungen in Bleche, unnötig zu erwähnen, dass auch die polierten Tropenholzskulptürchen von Buddhas oder Elefanten vollkommen identisch aussehen. Hier gehorcht selbst das von Hand hergestellte Objekt den Idealen der industriellen Massenproduktion. Das asiatische Prinzip, demzufolge Individualismus ein Fehler im System ist, der getilgt werden muss? Gemäß dem „tall poppy syndrom“, nach dem die Mohnblüte, die aus der Masse herausragt, der Kopf abgehauen wird. Erstaunlich ist aber schon, dass die 1000 Jahre alten  Figuren auf den Reliefs der Tempel, die Dämonen, die Krieger, die „Apsara“ – die barbusigen Nymphen oder himmlischen Tänzerinnen, nach denen sich das hier überaus aktive deutsche Restaurierungsprojekt beannt hat –  sich alle wie ein Revuegirl dem anderen gleichen. Und zwar, wie beim 580m langen Basrelief, das die Umfassung des Haupttempels Angkor Wat umläuft, in mehrtausendfacher Ausführung. Dort wird in einem seriellen Comic nebenbei die Geschichte eines Krieges von epischer Brutalität erzählt. Unten schlachtet sich das Fußvolk in Lendenschurz und Schmuckreifen ab, da wird gepfählt, gehauen und gestochen, Augen werden durchbohrt und Köpfe fliegen durch das Ornament der Luft. Drüber prahlen geharnischte Befehlshaber in Streitwagen mit Lanzen, Speeren und Standarten herum, Fabelwesen halb Mensch halb Tier verdichten das Gewusel, darüber lässt sich der König huldigen. Kurzum: Im Keller wird gefolter, oben gibts Musik. Irgendwann um das 12. bis 16. Jahrhundert herum hat sich hier der Buddhismus gegenüber dem total mitleidslosen Hinduismus etabliert (wie geschah das, wessen Armee schlug wen, welcher Clan unterjochte welchen?) und der Herrscher ließ schon mal was für Schulen, Straßen, Kanäle springen. Eine Kuh, die man melken will, schöachtet man nicht, heißt ein afrikanisches Sürichwort. So oder so, der Reichtum der Khmer Kultur basierte auf einer extrem hierarchischen Feudalherrschaft. Fürs gemeine Volk gabs da nicht viel zu lachen. Nimmt  man jetzt noch ein wenig linke Stammtischideologie hinzu, derzufolge der Reisanbau durch sein Bewässerungssystem das Kollektiv, zumindest eine dörfliche Produktionsgemeinschaft bedingt, dann macht noch mehr Gleichmacherei im Namen einer maoistischen Bauernrevolution schon fast Sinn. Und jetzt kommen wir mit unseren zehn verschiedenen Jeans im Schrank und glauben, was vom Segen des Individualismus erzählen zu können. Wie war das noch mal mit den alten Griechen?

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